Lebensmittelallergien sind generell seltener als man landläufig denkt. Auslassdiäten zur unterstützenden Behandlung von Erkrankungen sind durchaus sinnvoll, aber nur, wenn tatsächlich eine diagnostizierte angeborene Stoffwechselkrankheit oder Allergie vorliegt. Eine selbst auferlegte Diät kann im Normalfall nur schaden, weil diese zu einer Mangelernährung führen kann.


Eine Diät macht nur Sinn, wenn eine diagnostizierte Krankheit vorliegt und diese zur unterstützenden Behandlung von Erkrankungen dient – also bei Über- oder Untergewicht, bei angeborenen Stoffwechselstörungen oder bei erworbenen Störungen wie Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen. „Wenn mit einer Diät die Gesundheit verbessert werden soll, ist es umso wichtiger, diese nicht im Alleingang zu starten“, erklärt Priv.-Doz. Mag. Dr. Stefan Wöhrl, Floridsdorfer Allergiezentrum, bei seinem Vortrag beim Welt-Allergie und Asthma-Tag Anfang April 2016 in Schönbrunn. Nur erfahrene Diätologen können eine notwendige Auslassdiät so planen, dass es zu keinen Mangelerscheinungen kommt. Die Betroffenen sollten mit ihren Ernährungsplänen langfristig gesund leben können.

Allergisch oder intolerant?

In erster Linie sind zwei Fragen für den Ernährungsplan entscheidend: Handelt es sich um eine Intoleranz/Unverträglichkeit oder um eine echte Allergie? Um welchen Wirkstoff handelt es sich? Oft gehen Menschen von einer Kuhmilchallergie aus und glauben, sie müssen auf Ziegenmilch ausweichen, und sind damit am falschen Dampfer. Schlimmer noch ist, wenn Birkenallergiker zur Sojamilch greifen und es dadurch zu heftigen Kreuzreaktionen kommt.

„Bei einer Laktoseintoleranz handelt es sich um jegliche Form von Milch – egal ob Menschen-, Kuh- oder Ziegenmilch. Ziegenmilch enthält dieselbe Laktose und ist der Kuhmilch sehr nahe – man kann nur auf Pferdemilch ausweichen,“ erklärt Stefan Wöhrl. Es ist wichtig, den Unterschied zu wissen, weil das Management verschieden ist. Eine Intoleranz ist nie so schlimm und braucht keine Nulldiät. Bei der Allergie ist aber die komplette Vermeidung notwendig.

Allergien sind dynamisch; sie können kommen aber auch wieder gehen. Vor allem bei Kindern verschwindet die Allergie häufig im Laufe der Jahre. Stefan Wöhrl: „Kinder, die auf Milch, Ei, Weizen oder Soja reagieren, haben eine relativ gute Wahrscheinlichkeit, dass die Allergie wieder vergeht. Wenn sie auf Nüsse, Fisch oder Meeresfrüchte allergisch sind, ist die Wahrscheinlichkeit eher gering.“

Babys sollen alles essen

Im Säuglingsalter kann sich eine Auslassdiät auf das ganze weitere Leben negativ auswirken. Die medizinischen Empfehlungen unterlagen noch bis voriges Jahr dem fatalen Irrtum, alle möglichen Allergene bei der Ernährung von Babys aus Hochrisikofamilien auszulassen. Neueste Studien haben aber bewiesen, dass die Lebensmittelkarenz mehr Allergien hervorrief, als bei Babys, die vom Anfang an alles zum Essen bekamen. Stefan Wöhrl zitiert aus einer dieser Studien: „Dreizehn Prozent der Kinder, die Erdnuss vermieden haben, wurden allergisch. Bei den Kindern, die jeden Tag Erdnüsse gegessen haben, waren es nur zwei Prozent. Der Risikofaktor wurde um den Faktor 6 erhöht! Das bedeutet, die Erdnussvermeidung, um das Kind zu schützen, machte das Kind zum Allergiker.

Um gleich bei falschen Vorstellungen zu bleiben: Der anhaltende Hype um Unverträglichkeiten ist in den Augen des Fachmannes völlig übertrieben. „Im Grund gibt es nur einige wenige tatsächliche Unverträglichkeiten, der Rest sind Malabsorbationen, also körpereigene Aufnahmestörungen im Darmtrakt auf Grund von fehlenden Enzymen.“ Nachdem Gluten das große Thema der modernen Zeit sind, ist die Zöliakie (Gluten-sensitive Enteropathie) ein sehr gutes Beispiel – tatsächlich stellt sie nämlich eine sehr seltene Erkrankung dar. Lebensmittelallergien sind generell seltener als man landläufig denkt. Studien haben gezeigt, dass theoretisch jeder Fünfte glaubt, auf irgendein Nahrungsmittel allergisch zu sein. Praktisch ist aber nur jeder Sechste tatsächlich ein Allergiker. „Also fünf von sechs Menschen sind gesund. Das zeigt, dass diese Vermutungen meist falsch sind. Deshalb: Keine Eliminierungsdiät nur auf Grund einer Vermutung. Erst nach einer positiven Diagnosestellung einer Nahrungsmittelallergie oder -intoleranz ist die Vermeidung des Auslösers das wichtigste Therapieprinzip.

Die Unterschiede im Detail

Eine Allergie ist eine erworbene Überreaktion des Immunsystems gegen harmlosen Umweltstoff (Allergen). Eine Intoleranz ist eine angeborene Überempfindlichkeit gegen Umweltstoffe ohne Beteiligung des Immunsystems (Intoleranz) wie z.B. Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) oder z.B. Fruchtzuckerunverträglichkeit (Fruktosemalabsorption). Nahrungsmittelunverträglichkeiten sind definierte Krankheiten (ICD10) und keine „diffusen Störungen“.

Handelt es sich tatsächlich um eine Allergie, muss wieder unterschieden werden. Bei primären (direkten) Nahrungsmittelallergien reagieren Betroffene auf das Nahrungsmittel selbst. Primär sind es in diesem Fall Kinder, die auf Milch, Eier, Nüsse, Fisch, Meeresfrüchte sowie auch auf Weizen direkt allergisch sind. Die Reaktionen sind oft schwerwiegend und äußern sich vor allem an der Haut, was immer wieder zu Missverständnissen führt. „Es besteht der Glaube, dass sich eine Nahrungsmittelallergie vor allem im Magen-Darmtrakt äußern muss – aber das betroffene Hauptorgan ist in Wirklichkeit die Haut“, klärt Stefan Wöhrl auf.

Eine sekundäre (abgeleitete) Nahrungsmittelallergie tritt eher im Erwachsenenalter auf und entsteht, weil man auf etwas anderes allergisch geworden ist, wie z.B. auf Birkenpollen. Diese Form der Allergie verschwindet meist nicht.

Die Anaphylaxie ist die Maximalform der Nahrungsmittelallergie. Durch ein Allergen kommt es zu Schwellungen, Atemnot, schwallartigem Erbrechen, heftigen Durchfällen, Blutdruckabfall und im schlimmsten Fall zum Kreislauf-Schock. Die Auswirkungen von Nahrungsmittelintoleranzen sind bei weitem nicht so folgenschwer und äußern sich mehr diffus über Müdigkeit, Bauchschmerzen, Krämpfe, Blähungen und weichen Stuhl.