Bei SARS-CoV-2 handelt es sich nicht, wie vielfach behauptet, um eine Mutation des SARS-Virus, sondern um ein neues Virus. Der Pneumologe und Infektiologe Prof. Dr. Tobias Welte veranschaulicht den Weg des Virus, das die Welt in Atem hält.

Bei der Pressekonferenz anlässlich der 44. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP), die von 14. bis 16. Oktober online stattfindet, zeichnete Prof. Dr. Tobias Welte die Wege der Ausbreitung von SARS-CoV-2 nach. Der Past Präsident der European Respiratory Society (ERS) und Vorstand der Klinik für Pneumologie an der Medizinischen Hochschule Hannover betonte, dass es sich bei dem Virus nicht – wie vielfach in Foren und Medien behauptet – um eine Mutation des SARS-Virus handelt, sondern um ein neues Virus.

Beginn einer Pandemie

„Ende Dezember 2019 meldeten verschiedene lokale Gesundheitsämter in Wuhan, China, den Ausbruch einer schweren Lungenentzündung mit akutem Lungenversagen. Ein Zusammenhang mit einem sogenannten Wet Market in Wuhan wurde hergestellt. Ein Markt, auf dem lebende oder kurz zuvor geschlachtete Tiere verkauft werden; neben Fleisch und Geflügel auch Fisch, Reptilien, Meeresfrüchte und vieles anderes“, erklärte Welte bei der Presskonferenz. Am 31. Dezember 2019 habe das Chinese Center of Disease Control ein Spezialistenteam entsandt, um diese Erkrankung näher zu untersuchen und einen möglichen Ausbruch einzugrenzen. Zu diesem Zeitpunkt habe es jedoch bereits schnell steigende Infektionszahlen, wobei nicht mehr alle Fälle auf den Kontakt zu genanntem Wet Market zurückgeführt werden konnten.

Am 20. Januar seien laut Welte aus den von den ersten Patienten gewonnenen Proben ein neues Coronavirus identifiziert und die Daten im New Eng J Med publiziert worden. Bemerkenswert sei, dass dieser Erreger einer bis dahin unbekannten schweren Lungenerkrankung innerhalb von drei Wochen identifiziert und das Genom sequenziert werden konnte. Dies zeige den Fortschritt, den die infektiologische Forschung in den letzten Jahrzehnten gemacht hat. Dieses Corona-SARS-2 Virus (SARS-CoV-2) ist laut dem Pneumologen phylogenetisch mit den bisher bekannten Coronaviren verwandt, unterscheidet sich jedoch von diesen. „Es handelt sich nämlich um ein neues Virus, nicht, wie fälschlich auf Foren und in Medien behauptet, um eine Mutation des SARS-CoV von 2002“, betonte Welte.

Explosionsartige Verbreitung – hohe Sterblichkeit

Innerhalb der ersten Jännerwochen sei es zu einem explosionsartigen Anstieg der COVID-19 Fälle zunächst in Wuhan, dann in anderen Teilen Chinas gekommen 0150 mit einem zeitweisen Zusammenbruch des Gesundheitssystems. Es habe an Krankenhaus- und Intensivbetten gemangelt, da es Welte zufolge in China „praktisch keine ambulante Medizin gibt“, im Wesentlichen werde „alles über das Krankenhaus abgewickelt“. Aufgrund des Mangels an Intensivbetten sei frühzeitig ein Triagesystem etabliert worden, ältere Patienten, insbesondere solche mit Co-Morbiditäten seien bei Vorliegen einer respiratorischen Insuffizienz nicht mehr intensivmedizinisch betreut worden. Dadurch erkläre sich die hohe Sterblichkeitsrate in Wuhan.

Nun habe die chinesische Regierung das Militär aktiviert, in Wuhan seien Behelfskrankenhäuser, sogenannte Shelter, aufgebaut worden, um Patienten mit moderater Erkrankung zu versorgen. Nur jene mit schwerer respiratorischer Insuffizienz seien ins reguläre Krankenhaus eingeliefert worden.

Dass es in der Provinz Hubei und in anderen Teilen Chinas nicht zu einem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung gekommen sei, liege Welte zufolge daran, dass man hier Zeit hatte, zusätzliche Bettenkapazitäten im Krankenhausbereich zu schaffen. Darüber hinaus habe sich der Effekt der radikalen, durch das Militär durchgesetzten Lockdown-Maßnahmen sehr schnell mit einem Rückgang der Erkrankungszahlen bemerkbar gemacht.

Das Virus erreicht Europa

In Deutschland sei die erste COVID-19 Erkrankung laut Welte am 27. Jänner 2020 diagnostiziert worden, Italien habe die ersten beiden COVID-19-Fälle am 28. Jänner 2020 in Rom gemeldet. Rückblickend seien bereits Anfang Jänner vermehrt Fälle mit akutem Lungenversagen unklarer Genese in Norditalien beobachtet worden, hochwahrscheinlich habe es sich hier bereits um COVID-19 gehandelt.

Am 25. Februar 2020 wurden bei zwei 24-jährigen, in Innsbruck lebende, Italienern die ersten die ersten Virusinfektionen in Österreich registriert. Am 11. März 2020 wurde schließlich die weltweite Ausbreitung der Erkrankung von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zur Pandemie erklärt.

Erste Superspreading-Events

„Mehrere Großereignisse wie die Fashion Week, der venezianische Karneval und das heute als „Superspreading-Event“ bezeichnete Champions League-Fußballspiel zwischen Atalanta Bergamo und Valencia CF in Mailand trugen wahrscheinlich zur Verbreitung des Virus bei. Bekannt wurden weitere dieser Superspreading-Events wie ein Treffen einer großen kirchlichen Gemeinde im Elsass oder die Apres Ski Events in den italienischen und österreichischen Skiorten. Ischgl ist zum Inbegriff für den Einfluss der Skiorte auf die Pandemieverbreitung geworden“, erklärte Welte.

In den südeuropäischen Ländern, in denen COVID-19 zu spät diagnostiziert worden sei und sich über lange Zeit unerkannt in der Bevölkerung und vor allem auch unter Mitarbeitern des Gesundheitswesens verbreitet habe, sei es zu einem explosionsartigen Anstieg der Infektionen gekommen, das Gesundheitswesen und insbesondere die Krankenhäuser seien in einigen Regionen (Norditalien, Großraum Madrid, Elsass) zusammengebrochen, Triagesysteme mussten eingeführt werden.

„Die Sterblichkeitszahlen in Deutschland, Österreich und der Schweiz und in den nordeuropäischen Ländern (mit Ausnahme von Schweden) waren wesentlich geringer als in den südeuropäischen Ländern oder in Großbritannien“, so Welte.

Entwicklung der Altersstruktur der Patienten

In der Anfangsphase der Pandemie seien die Mehrzahl der Patienten mit COVID-19 in Deutschland Rückkehrer aus den Skigebieten in den Alpen gewesen – also in der Regel jüngere und gesündere Menschen als die Erkrankten in den südeuropäischen Ländern oder Großbritannien. „Die Sterblichkeit an COVID-19 ist jedoch streng an das Alter und das Vorliegen bestimmter Ko-Morbiditäten wie Hypertonie, Diabetes oder Übergewicht gebunden. Das Beispiel Schweden, das einzige europäische Land, das sich den Lockdown-Maßnahmen nicht angeschlossen hat, zeigt, dass die Rate an Todesfällen wesentlich höher war als in anderen Ländern, weil hier die Infektion vor allem in den Alten- und Pflegeheimen ausbrach“, betonte der Pneumologe.

Verschiebung von Alt auf Jung

Durch den sogenannten „Lockdown“ im März 2020 hätten die SARS-CoV-2-Infektionsraten sowohl in Deutschland als auch Österreich rasch abgenommen, so dass Ende Juni in Deutschland schließlich weniger als 500 Neuerkrankungen pro Tag verzeichnet wurden, in Österreich weniger als 100. Dass es über die Sommermonate zu einem Anstieg der Infektionszahlen gekommen sei, dürfte vor allem an einer Erhöhung der Testrate und der Rückreise von Menschen aus Gebieten mit hoher Infektionsrate, beispielsweise den Balkanstaaten, Rumänien, Bulgarien und der Türkei, liegen. Ein weiterer Faktor für den Anstieg der Infektionszahlen dürfte auch an der schwindenden Bereitschaft der Bevölkerung liegen, sich an die Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Übertragung zu halten. Letzteres betreffe insbesondere die jüngere Generation.

Immunität in der Bevölkerung gestiegen?

Dass es zu keinem Anstieg von Krankenhausaufnahmen und der Sterblichkeit kam, dürfte Welte zufolge dran liegen, dass das mittlere Alter der Infizierten auf 32 Jahre gesunken sei. „Auch wenn jüngere Menschen schwer erkranken können, zeigt sich bei ihnen meist ein deutlich leichterer Erkrankungsverlauf als bei älteren Infizierten. Darüber hinaus könnte die Virulenz des Virus gesunken sein“, so Welte. Für diese These gebe es bislang allerdings noch keinen Beleg.

Dass die Immunität der Bevölkerung gestiegen sein könnte, würden zwei unabhängig voneinander publizierte Arbeiten vermuten lassen. Laut diesen würden auch bei sicher nicht infizierten Menschen SARS-CoV-2-spezifische T-Memory-Zellen auffindbar sein, die eine Immunität vermitteln können. „Ob diese durch andere Coronavirus-Infektionen induziert wurden oder ob ein geringer Kontakt zu SARS-CoV-2, der nicht krank macht, für diese T-Zell-Bildung verantwortlich ist, ist zurzeit offen“, erklärte Welte.

„Das Wissen über SARS-CoV-2 und COVID-19 wächst täglich. Wir lernen ständig dazu, dadurch verändert sich natürlich auch laufend unser Wissensstand.“
Prof. Dr. Tobias Welte
Foto: Tom Figiel

Was sind Superspreader – und kennt man ihr Geheimnis?

„Rund 20% der Infizierten verursachen den Großteil der Ansteckungen. Für das Phänomen dieser sogenannten Superspreader gibt es mehrere Gründe.“ Zum einen liege dies laut Welte an der Virusbelastung, zum anderen spielten klassische Risikofaktoren wie die Menge an Aerosolproduktion (hoch beim Schreien, Grölen, aber auch beim Singen), kalte und feuchte Umgebungsluft, schlecht durchlüftete Räume, mangelnder Abstand zu anderen Personen und der Konsum von Alkohol eine Rolle. „Alkohol erniedrigt einerseits die Hemmschwelle, sodass Vorsichtsmaßnahmen missachtet werden, er führt jedoch auch zu einer vermehrten Speichelproduktion und damit zur Erzeugung einer größeren Menge von Aerosolen“, erklärt der Infektiologe abschließend.

Quelle: Vortrag Tobias Welte: „SARS-CoV-2/COVID-19 aus der Sicht des Infektiologen“, Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie, Wien, 12. Oktober 2020