Es mehren sich Berichte über mögliche Langzeitfolgen nach einer überstandenen COVID-19-Erkrankung. Für kritisch kranke COVID-19-Patienten könnte das Überleben der Akutphase also eventuell nur die Bewältigung der ersten Etappe eines insgesamt langen und herausfordernden Weges sein. Gerade schwere COVID-19-Verläufe mit komplizierten Intensiv-Aufenthalten und längeren Zeiten mechanischer Beatmung sind ein plausibler Risikofaktor für Folgeerscheinungen bzw. fortbestehende Symptome.

Die 44. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) findet von 14. bis 16. Oktober online statt. Der ÖGP-Generalsekretär Prim. Priv.-Doz. Dr. Bernd Lamprecht beantwortete die Frage, ob man tatsächlich von einem „Post-COVID-Syndrom“ sprechen könne, bei der Pressekonferenz anlässlich der Tagung folgendermaßen: „Nach heutigen Wissensstand sprechen viele Indizien dafür.“ Schließlich werde im Zusammenhang mit einer COVID-19-Erkrankung auch nach einer überstandenen Infektion sehr häufig über Symptome wie Fatigue, Dyspnoe und neuropsychologische Symptome berichtet.

„Da wäre einmal das Auftreten von Fatigue, einem Zustand größter Erschöpfung, der weder durch Schlaf noch lange Ruhepausen verbessert werden kann. Auch Dyspnoe, also Atemnot, sowie diverse neuropsychologische Symptome wie zum Beispiel Schlafstörungen, Beeinträchtigungen des Konzentrations- und Erinnerungsvermögens, Antriebslosigkeit, Angstzustände und Depression werden beschrieben. In Abhängigkeit der jeweiligen Studienpopulation werden solche Symptome bei 35 % der ambulant behandelten COVID-Patienten und bei 87% der hospitalisierten Patienten gesehen“, erklärte der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum in Linz und stellvertretende Dekan der medizinischen Fakultät der Johannes Kepler Universität.

Lamprecht zufolge erleben kritisch kranke Patienten oftmals über einen längeren Zeitraum nach ihrer Krankenhausentlassung noch funktionelle Einschränkungen, in vielen Fällen sogar über die Dauer von mehreren Jahren. Die sei nicht neu, sondern bereits von der SARS-Pandemie im Jahr 2003 bekannt. „Und hier gibt es viele Parallelen zur aktuellen COVID-19-Erkrankung“, so Lamprecht.

Veränderung von Botenstoffen

Veränderungen des Stoffwechsels und Hormonhaushalts und damit einhergehende Veränderungen der Hirnfunktion scheinen ebenso eine Rolle zu spielen wie Entzündungsbotenstoffe, die sich gegen den eigenen Körper richten. Veränderung in der Gerinnungsfähigkeit des Blutes, die im Rahmen von COVID-19 auftreten, könnten zu den gefürchteten Komplikationen Lungeninfarkt und Schlaganfall sowie Verschlüssen kleinster Gefäße führen. Solche Ereignisse können Lamprecht zufolge eine Vielzahl an dauerhaften Organschäden hervorrufen.

Vom „Zytokinsturm“ zur „stillen“ Entzündung

Das Gefährliche bei einer SARS-CoV-2-Infektion sei, dass das Virus eine starke und oftmals unkontrollierte Entzündungsantwort, einen sogenannten „Zytokinsturm“ auslösen kann. Diese Entzündungsantwort betreffe den gesamten Körper und bewirkt laut Lamprecht eine Gewebsschädigung. „Man vermutet heute, dass es dann nach einer COVID-Erkrankung zu einer chronischen, per se symptomlosen systemischen Entzündung kommen kann, wie dies auch im Alterungsprozess beobachtbar ist“, erklärte Lamprecht. Diese „stille“ Entzündung habe das Potenzial, bestehende Komorbiditäten zu verschlechtern und altersabhängige Probleme zu verstärken.

In Summe gebe es laut Lamprecht ausreichend Hinweise, um die Folgeerscheinungen einer COVID-19-Erkrankung als Post-COVID-Syndrom bezeichnen zu können. Günstig für die vollständige und rasche Genesung sowie die Linderung eines Post-COVID-Syndroms könne sich eine gezielte Rehabilitation auswirken. Mit oder ohne erkennbarem Post-COVID-Syndrom: Es seien jedenfalls alle Anstrengungen gerechtfertigt, die eine vollständige funktionelle Wiederherstellung und eine Rückkehr in ein Leben nach Corona ermöglichen.

Prim. Priv.-Doz. Dr. Bernd Lamprecht
Prim. Priv.-Doz. Dr. Bernd Lamprecht

Erfolgversprechende Medikamente bei COVID-19

„Alle Schutzmaßnahmen und Vorkehrungen, die weltweit im Kampf gegen COVID-19 getroffen werden, stellen in erster Linie eine Überbrückung dar, bis eine Impfung und/oder wirksame Medikamente gegen COVID-19 entwickelt werden“, betonte Lamprecht. Und obwohl die Entwicklung von Impfstoffen gegen das neue Coronavirus rasant voranschreite, werde es noch einige Zeit dauern, bis ein Impfstoff zugelassen und in benötigter Menge vorhanden sei. Umso wichtiger sei die Behandlung der Erkrankung. „Angesichts der beispiellosen globalen Anstrengungen und erster vielversprechender Erfolge stehen die Chancen gut, vielleicht schon im ersten Quartal des kommenden Jahres einen Durchbruch in der medikamentösen Therapie von COVID-19 zu erlangen“, sieht Lamprecht optimistisch in die nahe Zukunft. Das Hauptaugenmerk sei auf Medikamente gerichtet, die für andere Indikationen zugelassen und gut bekannt sind und die nun „umfunktioniert“ werden können (Repurposing).

Die bisher erfolgversprechendsten Medikamenten sind Remdesivir, Dexametason und APN01.

Remdesivir

Ursprünglich gegen Ebola entwickelt, richtet sich Remdesivir direkt gegen das Virus, in dem es die Virusreplikation, also die Vermehrung der Viren, weitgehend unterbindet. Remdesivir ist geeignet, die Krankheitsdauer um einige Tage zu verkürzen. Remdesivir ist von FDA (USA) und EMA (Europa) zur Therapie von COVID-19 zugelassen. Dieses Medikament wird in der Frühphase der Erkrankung kritisch kranken Patienten, die sauerstoffpflichtig sind, intravenös verabreicht. Patienten, die nicht auf der Intensivstation betreut werden, erhalten das Medikament für 5 Tage, jene, die auf der Intensivstation liegen, meist über 10 Tage.

Dexametason

Das Kortisonpräparat Dexamethason kommt in der zweiten Phase der Erkrankung zum Einsatz. Ein Grund für gefährliche COVID-19-Verläufe ist eine überschießende Reaktion des Immunsystems, bei der Zytokine (Proteine, die die Abwehr von Krankheitserregern steuern, vorwiegend Interleukine) unkontrolliert freigesetzt werden. Um diesen „Zytokinsturm“ zu dämpfen, kommt Dexametason zum Einsatz. Erste Daten deuten darauf hin, dass der Einsatz dieses Medikamentes die Sterblichkeit von kritisch Kranken, die auf der Intensivstation liegen und Sauerstoff benötigen, reduzieren kann. Allerdings sind hier noch nicht alle Fragen beantwortet, zumal unlängst eine Arbeit aus Brasilien ausschließlich bei älteren Erwachsenen einen Vorteil zeigen konnte. Zurzeit werden in Österreich COVID-19-Patienten mit passender Indikation rund eine Woche mit diesem Medikament behandelt.

APN01

Das antiviral wirkende „Penninger-Medikament“ versperrt dem Virus die Tür und schützen die Organe. Bei dem im Rahmen der Forschung um die Coronaviruserkrankungen SARS und MERS entwickelten Wirkstoff handelt es sich um ein synthetisch hergestelltes lösliches ACE – ein Enzym, das vorwiegend in den Endothelzellen der Lunge gebildet wird und ein wichtiger Baustein in einem komplexen Hormonsystem ist, der unter anderem für die Blutdruckregulation sowie den Wasser- und Elektrolythaushalt mitverantwortlich ist.

APN01 soll einerseits die Viren abfangen und damit am Eintritt in die Zellen hindern. Andererseits bleibt die ACE2-Enzymfunktion erhalten, sodass es, wie körpereigenes ACE; Angiotensin II abbauen kann. Dadurch sollen entzündliche Reaktionen in der Lunge und damit akute Lungenschäden (ALI) und ein akutes Atemnotsyndrom (ARDS) verhindert werden.

Erste Fallberichte zeigen vielversprechende Ergebnisse: klinische Verbesserung, rapide Verringerung der Viruslast und der Entzündungsmediatoren sowie Entwicklung spezieller Antikörper, die die Virusvermehrung hemmen. Ob das Medikament APN01 hält, was es verspricht wird zurzeit in einer Phase-II-Studie überprüft, an der als eines von 16 Krankenhäusern auch das Kepler Universitätsklinikum Linz teilnimmt.

(Re)Konvaleszentes Plasma

Bei der passiven Immunisierung mit (re)konvaleszentem Plasma werden Antikörper von Genesenen an COVID-19-Patienten transfundiert, die selbst noch keine Antikörper gebildet haben. Dadurch können Schwere und Dauer der Erkrankung positiv beeinflusst werden.

Hinsichtlich eines „Repurposing“ werden noch weitere Medikamente untersucht – beispielsweise Immunmodulatoren, die gegen rheumatoide Arthritis oder entzündliche Darmerkankungen entwickelt wurden und die nun gegen die überschießende Entzündungsreaktion zum Einsatz kommen sollen. Anti-Interleukin 6 hat etwa – zumindest in Fallberichten – günstige Effekte auf Patienten auf der Intensivstation mit zunehmendem Sauerstoffbedarf und/oder künstlicher Beatmung gezeigt. Zuvor muss allerdings mittels Laboranalyse überprüft werden, ob es im Zytokinsturm Hinweise auf hochreguliertes Interleukin 6 gibt.

Im Moment gibt es noch kein verlässlich wirksames, zugelassenes Präparat, das allen Betroffen helfen kann. Aber – dank des Repurposing bekannter Medikamente und internationaler sowie interdisziplinärer Forschungsanstrengungen – lässt sich auch bei schweren COVID-19-Verläufen schon sehr viel mehr bewirken als am Anfang der Pandemie vor rund einem halben Jahr.

„Wir lernen ständig dazu und verstehen immer besser, welcher Patient von welchem Präparat bzw. welcher Kombination am besten profitiert. Je besser uns dies gelingt, desto mehr wird die Erkrankung ihren Schrecken verlieren.“

Quelle: Vortrag Bernd Lamprecht: „Gibt es ein Post-Covid-Syndrom?“, Pressekonferenz der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie, Wien, 12. Oktober 2020

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