Pollen fliegen nur im Frühling? Weit gefehlt. Pollenallergien nehmen zu und werden immer komplexer. Wir sind heute beinahe das ganze Jahr über mit Allergenen konfrontiert, die zum Teil vor einigen Jahren noch gar nicht als Allergie-Auslöser bekannt waren. Schuld daran sind nicht zuletzt der Klimawandel und die Umweltverschmutzung.

In vielen Fällen schleppen wir neue Allergien selbst ein. So stehen bei uns vermehrt exotische Pflanzen wie Oliven- und Feigenbäume oder die japanische Zeder. „Diese Trendpflanzen sind in anderen Ländern als allergieauslösend bekannt. Für unsere Breiten werden sie kälteresistent gezüchtet. Aufgrund der Klimaerwärmung gedeihen sie aber ohnehin immer besser“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung an der MedUni Wien.

Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung

Winter werden wärmer und die Blühzeiten verschieben sich nach vorne, dadurch verlängert sich die Leidensdauer der Pollengeplagten. Zusätzlich trägt der Luftschadstoff Ozon maßgeblich zum Klimawandel bei. Das Reizgas beeinflusst direkt das Allergiegeschehen. Aufgrund seiner geringen Wasserlöslichkeit kann es gefährlich tief in Bronchien und Lunge eindringen und belastet die ohnehin schon überreizten Atemwege von Menschen mit Allergien und allergischem Asthma zusätzlich. Die höchsten Ozonwerte werden von Mai bis September gemessen – genau in der Hochsaison des Pollenflugs.

Problem Kreuzreaktion

Ein weiteres Problem ist das Phänomen der Kreuzreaktionen. Das bedeutet, ein Allergiker reagiert nicht nur auf ein Allergen aus einer bestimmten Allergenquelle (z.B. Birkenpollen), sondern kann auch gegen strukturell ähnliche Allergene in anderen Pflanzen (z.B. Pollen von Hasel, Erle und Buche) oder bestimmten Nahrungsmitteln (z.B. Apfel) sensibilisiert sein.

Eine Kreuzallergie ist somit immer die Folge einer bereits vorhandenen Allergie. Dann jucken beispielsweise die Augen von Birkenpollen-Allergikern im Buchenwald, obwohl weit und breit keine Birke steht. Eine häufige Kreuzreaktion ist auch die zwischen Esche und Olive – eine Erklärung, weshalb der blühende Olivenbaum im Gastgarten Beschwerden bereiten kann, obwohl man sonst keinen Kontakt mit dieser Pflanze hat.

Prof. Dr. Erika_Jensen-Jarolim
Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim

Mit molekularen Diagnosemethoden neue Vielfalt testen

Die rechtzeitige und exakte Diagnose spielt eine ganz entscheidende Rolle für den weiteren Verlauf der Erkrankung. Prof. Jensen-Jarolim: „Heute erlauben moderne Tests mit sehr vielen Allergenen, eine präzise Diagnose vorzunehmen. Mit dieser sogenannten molekularen Allergiediagnostik können auch Sensibilisierungen gegen seltene Pollen identifiziert und mögliche komplexe Kreuzreaktionen ausgeforscht werden.“ Es lässt sich auch herausfinden, gegen welches Molekül in einem Allergen der Patient reagiert, denn ein Allergenextrakt besteht aus vielen Bestandteilen (Komponenten-basierte Diagnostik).

Diese Tests weisen Antikörper im Blut nach, wenn noch gar keine Symptome erkennbar sind. Abgestimmt mit den berichteten Beschwerden und den Ergebnissen eines Hauttests können personalisierte Empfehlungen zur Allergenvermeidung, zur symptomatischen Therapie und ganz besonders zur allergenspezifischen Immuntherapie punktgenau eingesetzt werden.

Behandlung: momentane Erleichterung oder nachhaltiger Effekt

Gängige Allergie-Therapien behandeln zumeist die Symptome (Antihistaminika, Cortison-Sprays, oder Leukotrien-Antagonisten), wirken gut und rasch, haben aber keinen dauerhaften Effekt. Im Gegensatz dazu bietet die allergenspezifische Immuntherapie (auch unter den Begriffen Hyposensibilisierung und Allergie-Impfung bekannt) die einzige Möglichkeit, der zugrundeliegenden Ursache entgegenzuwirken und eine Verschlimmerung, wie etwa Asthma, sowie die Entstehung weiterer Allergien zu verhindern.

Dabei wird das krankmachende Allergen über einen Zeitraum von etwa drei Jahren in Form von Spritzen (SCIT – subkutan), Tropfen oder Tabletten (SLIT – sublingual) zugeführt, wodurch ein Gewöhnungseffekt entsteht. Die Beschwerden können deutlich gelindert werden und die Patienten benötigen weniger antiallergische Medikamente. Bei einer Pollenallergie liegt die Erfolgsrate dieser Therapie im Durchschnitt bei rund 80 Prozent.

Mehr Info:

www.pollenwarndienst.at

www.allergenvermeidung.org