Persönliche Prognosen, konkrete Handlungsanweisungen oder Be­wer­tung von Maßnahmen sind nicht seine Aufgabe, dennoch leisten die Simulationsmodelle, mit denen Mathematiker und Philosoph DI Dr. Nikolas Popper uns durch die Corona-Pandemie begleitet hat, wertvolle Erkenntnisse. Beim TAG DER LUNGENGESUNDHEIT 2022 erklärte er, inwiefern seine Modelle helfen können.

DI Dr. Nikolas Popper ist Simulationsforscher. 2021 wurde er zum Österreicher des Jahres in der Kategorie Forschung ernannt.

Seine Modellrechnungen waren die Grundlage der Maßnahmen der Regierung 2020. DI Dr. Nikolas Popper wurde 2021 Österreicher des Jahres in der Kategorie Forschung. „Bei unseren Prognosemodellen geht es nicht um Einzelpatienten, sondern um uns alle. Wir rechnen im Computer mit neun Millionen Individuen nach, was die Pandemie macht“, so Nikolas Popper. Es wird die gesamte Bevölkerung modelliert mit allen vorhandenen Eigenschaften: geimpft, krank, infiziert, groß, klein, dick, dünn. Die Menschen gehen in die Schule, in die Arbeit, reisen oder sind nur daheim. Wie in einem Computerspiel wird evaluiert, wie sich die Krankheit ausbreitet.

Weitere Welle voraussehbar

„Das Ziel ist es, hinter die Kulissen zu schauen – z.B. wie hoch ist die Dunkel­ziffer der wirklich Infizierten“, so Nikolas Popper. Leider hilft die Impfung zwar sehr gut gegen schwere Verläufe, aber nicht gut gegen die Infektion. „Deshalb haben wir gewusst, dass noch eine weitere Welle kommt. Das wissen wir auch für diesen Herbst. Aber durch die Impfung werden infizierte Menschen im Idealfall nicht mehr so oft schwer krank. Mittlerweile gibt es ja auch viele zusätzliche Therapien.“

Für jeden der neun Millionen Menschen wird also ein Pfad modelliert – wer wird infiziert, wer nicht und was je nach Eigenschaften passiert; ist die Chance, dass man einen guten oder schlechten Verlauf hat, höher oder nicht. Der Krankheitsverlauf wird dann in Form eines Flussdiagramms dargestellt – mit neun Millionen Wahrscheinlichkeiten.

Schwarmwissen

Es gibt ein sogenanntes emergentes Verhalten. Bei einem Vogelschwarm fliegen zwar alle Vögel für sich, aber es gibt eine Gesamtrichtung. Bei den Menschen ist das ähnlich. Nikolas Popper: „Bei Covid-19 kann man dann ausrechnen, was mit diesen Menschen passiert. Welche Einflussfaktoren können die Situation ändern, das ist das Entscheidende.“ Letztlich sind das vorhandene Behandlungen, Impfungen, Tests, Screenings, die Maßnahmen, die gesetzt wurden. „Nur zwei Dinge können wir nicht beeinflussen: ob Sommer oder Winter ist und die vorherrschenden Mutationen. Aber alle Teile tragen dazu bei, ob die Corona-Pandemie uns stark betrifft oder nicht“, so der Experte. Eigentlich wird im Modell nachgebaut, was passiert und was passieren wird.

Was kommt im Herbst?

Enttäuschend ist, dass man nicht sagen kann, wie die Impfung bei einer einzelnen Person wirkt. „Aber da hilft uns die Statistik. Ich kann vorhersagen, wie das System bei allen neun Millionen aussehen wird“, so Nikolas Popper. Schon im Mai wurden drei Szenarien berechnet – mit den drei möglichen Virusvarianten. Es ist zwar nicht klar, welche Variante sich durchsetzen wird, aber Tatsache ist, dass eine hohe Infektionswelle kommen wird. Besonders in Kombination mit anderen Infektions­erkrankungen und der Grippe wird es auch wieder eine Herausforderung für das Gesundheitssystem werden. „Schlecht wäre es nicht, wenn wir das Geschehen etwas verzögern – Masken machen noch immer Sinn!“, so Nikolas Popper abschließend.

Tag der Lungengesundheit, 24.11.2022, Wiener Rathaus