Anlässlich des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin thematisierte Univ. Prof. Dr. Mathias W. Pletz vom Universitätsklinikum Jena die unzureichende Entwicklung auf dem Gebiet der Antibiotika und die steigende Raten an Antibiotikaresistenzraten.

Nach Schätzungen der UN sterben weltweit 700.000 Menschen an resistenten Erregern. Durch den hohen Einsatz von Antibiotika hat die Dynamik der Entwicklung von Resistenzen gegen Antibiotika mittlerweile eine völlig neue Qualität bekommen. Es wird schon lange beklagt, dass einerseits zu viele Antibiotika verabreicht und andererseits zu wenige neue Antibiotika entwickelt werden.

„Wenn wir ein Reserveantibiotikum haben, sind wir froh, diese Munition im Lager zu haben, die wir eines Tages definitiv brauchen werden.“

Sowohl die Antibiotikaresistenz als auch die COVID-19-Pandemie unterstreichen, dass Infektionskrankheiten innerhalb der Erkrankungen einen ganz besonderen Stellenwert haben. Auf diesem Gebiet werde man laut Univ. Prof. Dr. Pletz „ nie eine finale Lösung finden.“

Missverständnisse zur Antibiotikaresistenz

Pletz möchte drei Missverständnisse ausräumen, die in der öffentlichen Diskussion eine Rolle spielen und dazu beitragen, dass sich nicht so schnell eine Lösung finden lässt.

Restriktiver Umgang mit Antibiotika und beschleunigte Diagnostik

Bei Resistenz glauben viele, es gehe um Bakterien, die man durch kein Antibiotikum mehr behandeln könne, und dann würde der betroffene Patient versterben. „Das ist mitnichten so“, betonte Platz, denn bei mehr als 90 % der akuten, schweren Infektionen müsse man Antibiotika geben, ohne den Erreger zu kennen. „Wenn dann nach zwei bis drei Tagen diagnostische Ergebnisse zurückkommen und wir sehen, das war ein Erreger, auf den das bisher gegebene Antibiotikum nicht gewirkt hat, dann hat der Patient deutlich schlechtere Karten, diese Infektion zu überleben.“

Im Umkehrschluss müsste man sich fragen, ob man einem Patienten mit einer schweren Infektion alle Reserveantibiotika geben sollte. „Wir wissen, dass das nicht geht, weil wir dadurch die Resistenzentwicklung befeuern“, so Pletz. Aus diesem Grund brauche man auf der einen Seite einen restriktiven Umgang mit Antibiotika, der mit einer verbesserten, beschleunigten Diagnostik einhergehen müsse. Auf der anderen Seite sei eine kontinuierliche Pipeline an neuen Substanzen nötig.

Frage nach dem Schuldigen führt nicht zum Ziel

Ein zweiter Punkt, der häufig fehlinterpretiert werde, sei die Frage nach dem Schuldigen, die aber letztendlich nicht zum Ziel führe. „Egal, wie klug wir Antibiotika einsetzen, wir werden eine Resistenzentwicklung nicht vermeiden können“, erklärte Platz, denn Resistenzentwicklung sei bakterielle Evolution. Da die meisten Antibiotika von Natursubstanzen abgeleitet seien, aber „irgendwo da draußen“ seien die entsprechenden Mechanismen vorhanden, die irgendwann durch den massenhaften Einsatz von Antibiotika selektiert werden.

Moleküle warten auf ihren Einsatz am Patienten

Das dritte Missverständnis sei die Annahme, es gebe für Antibiotika keine neuen Moleküle. „Das stimmt auch nicht, denn in vielen Laboren der Welt gibt es vielversprechende Moleküle, die darauf warten, den Einsatz am Patienten zu finden“, sagte Platz. Allerdings gebe es keine Firma mehr, die das wirtschaftliche Risiko eingehe, eine solche Substanz zum klinischen Einsatz zu bringen. Es brauche nämlich etwa 1,5 Milliarden Euro, um ein Medikament bis zum klinischen Einsatz zu entwickeln. Dabei würde der Hauptanteil der Kosten auf die klinischen Studien fallen, während die Laborentwicklung hinsichtlich der Kosten nur eine untergeordnete Rolle spielen würden. Würde es ein neues Antibiotikum zur Zulassung bringen, hätten Ärzte ein Reserveantibiotikum an der Hand, das sie aber nicht zum Einsatz bringen würden, weil sie es als Reserve für multiresistente Infektion zurückstellen. Pletz regte an, genau hier  strukturelle Missstände zu beseitigen. So könne man neue Antibiotika beispielsweise nicht einer Bewertung des Zusatznutzens unterziehen.

Schaffung langfristiger Strukturen

Petz geht davon aus, dass bei der Etablierung neuer Antibiotika die Unterstützung der öffentlichen Hand erforderlich sei. Schließlich handle es sich bei Infektionskrankheiten um die Bedrohung der öffentlichen Gesundheit. Darüber hinaus plädiert er für die Verlängerung des Patentschutzes, da ein solches Vorgehen der Industrie mehr Planungssicherheit ermögliche, sowie eine Beendigung des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermast.

Foto: Screenshot Videomitschnitt Pressekonferenz Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin