Nach rund eineinhalb Jahren Corona-Pandemie ist es dank weltweiter Anstrengungen in bisher nicht gekannter Geschwindigkeit gelungen, Impfstoffe gegen COVID-19 zu entwickeln und in großer Menge zu produzieren. Aber auch bei der Behandlung von COVID-19-Patienten wurden große Fortschritte erzielt. Prim. Priv.-Doz. Dr. Bernd Lamprecht gab bei der 45. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie einen Überblick über den aktuellen Stand der medikamentösen Therapien von COVID-19.

Dem Ziel, COVID-19 besser behandeln zu können, ist die Medizin in den vergangen eineinhalb Jahren deutlich näher gerückt. Eine einfach „Wunderwaffe“ mit 100%iger Wirksamkeit konnte jedoch bislang nicht entdeckt bzw. entwickelt werden.

Doz. Lamprecht: „Wir sollten daher nicht vergessen, dass uns im Gegensatz zu vor einem Jahr heute verschiedene hochwirksame Impfstoffe zur Verfügung stehen, die zwar keinen hundertprozentigen Schutz vor der Erkrankung bieten, aber jedenfalls zu einem milderen Krankheitsverlauf führen und auch die Verbreitung des Virus reduzieren. So viele Menschen wie möglich sollten daher das Impfangebot wahrnehmen, da die Prävention der Reparaturmedizin deutlich überlegen ist.“

Spezifische Therapieansätze

Symptome, Schweregrad und Krankheitsverlauf von COVID-19 variieren sehr stark. Das Spektrum reicht von symptomlosen Infektionen bis hin zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen oder einem Multiorganversagen sowie dem Tod. Vor einem Jahr gingen die Ärzte davon aus, dass wir bald einen Durchbruch in der medikamentösen Therapie von COVID-19 erlangen können. Das Hauptaugenmerk war dabei auf Medikamente gerichtet, die für andere Indikationen zugelassen waren und nun umfunktioniert werden sollten.

Insgesamt sind bisher mehr als 1.550 Substanzen als Kandidaten für eine mögliche Therapie von COVID-19 getestet worden. 28 dieser Substanzen haben bereits eine ordnungsgemäße Zulassung oder Notfallzulassung. Innerhalb dieser zugelassenen Präparate lassen sich folgende Gruppen beschreiben:

  • antivirale Präparate (Medikamente wirken gegen das Virus, z.B. Remdesivir, Favipiravir)
  • antientzündliche Präparate (Medikamente wirken gegen die Entzündung, z.B. Dexamethasone, Hydrocortisone und Methylprednisolone)
  • immunmodulatorische Präparate (wirken dämpfend auf das überschießende Immunsystem, z.B. Tocilizumab, Baricitrinib und Sarilumab)
  • Antikörper/passive Immuntherapie (aus dem Plasma von Genesenen gewonnene Antikörper unterstützen den Körper dabei, das Virus zu bekämpfen; bei der passiven Immuntherapie kommt neben Rekonvaleszentenplasma eine zunehmend größere Anzahl künstlich hergestellter monoklonaler Antikörper zum Einsatz
  • antithrombotische Therapeutika (Medikamente beugen Thrombosen vor; bei einer Thrombose bildet sich ein Blutgerinnsel, der den Blutstrom behindert. Eine rasche Diagnose und Behandlung sind wichtig. Denn vor allem bei einer tiefen Beinvenenthrombose besteht das Risiko einer Lungenembolie.

Die größte Anzahl klinischer Studien ist derzeit unter antiviralen Substanzen zu verzeichnen: 248 Studien sind derzeit in der Phase 3 (Arzneimittel und die Wirksamkeit wird bei vielen Patienten erprobt) und weitere 84 in der Phase 4 (nach der Zulassung) im Gange. Neben schon bisher bekannten antiviralen Substanzen befinden sich auch neue Substanzen in Entwicklung. Beispiele sind hier ein Proteaseinibitor (Porteaseinhibitoren hemmen Enzyme im Virus, die für das Virus oder seine Vermehrung essentiell sind) oder die Nukleosid-Analoga (hemmen die Virusvermehrung).

Unterschiedliche Phasen – unterschiedliche Angriffspunkte

Die COVID-19-Erkrankung kann verschiedene Phasen durchlaufen, in denen unterschiedliche Präparate-Gruppen zum Einsatz kommen. Prinzipiell wird in der Behandlung zwischen einem sehr frühen und potentiell präventiven Ansatz und einem heilenden Ansatz nachfolgenden Erkrankungsphasen unterschieden.

Die Anfangsphase verläuft zumeist mild. Die Virusvermehrung ist in dieser Zeit jedoch hoch. Für die sehr frühe Phase (binnen Stunden nach positivem Virusnachweis) kommen monoklonale Antikörper in Betracht, die den Übergang in eine schwere Erkrankung mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 – 85% verhindern können.

In der frühen moderaten Erkrankungsphase, wenn die Lunge immer mehr in Mitleidenschaft gezogen wird, kann eine stationäre Aufnahme ins Krankenhaus notwendig werden. In dieser Phase spielen bei notwendiger Hospitalisierung antivirale Substanzen und eine prophylaktische antithrombotische Therapie eine zentrale Rolle.

Bei weiterer Verschlechterung und schwerer Erkrankung spricht man von der pulmonalen Phase. Bei einigen Patienten entwickelt sich, meist in der zweiten Krankheitswoche, eine Pneumonie (Lungenentzündung); die Patienten leiden zunehmend unter Atemnot und müssen bei unzureichender Sauerstoffsättigung entsprechend mit Sauerstoff (Nasenbrille, Sauerstoffmaske; stationäre Aufnahme in ein Krankenhaus) versorgt werden. Die Pneumonie kann sich zu einem beatmungspflichtigen Syndrom entwickeln. Ist die notwendige Sauerstoffsättigung trotz invasiver Beatmung nicht mehr gewährleistet, kann es notwendig werden, das Blut des Patienten außerhalb des Körpers mit Sauerstoff anzureichern und dann dem Körper wieder zuzuführen.

Die kritischste Phase wird als hyperinflammatorische Phase bezeichnet. Hier stehen immunologische Prozesse im Vordergrund: Einer der Mechanismen, der COVID-19 so gefährlich macht, ist eine überschießende Immunreaktion („Zytokinsturm“, „Entzündungssturm“). Dieses Syndrom, das sich bei Patienten mit schwerem Krankheitsverlauf typischerweise nach 8-15 Tagen entwickelt, kann zu einem Multiorganversagen führen (hohe Todesrate).

Bei schwerer Erkrankung (pulmonale Phase) und auch beim Übergang in die Phase der körpereigenen überschießenden Entzündung (Entzündungssturm, hyperinflammatorische Phase) spielen Kortikosteroide und/oder Interleukin-6-Rezeptorantagonisten (Tocilizumab, Sarilumab) eine tragende Rolle.