Sind Sie – vielleicht als Kind – schon einmal in Brennnesseln geraten? Dann erinnern Sie sich sicher noch an das Jucken und Brennen und das Gefühl, sich kratzen zu müssen. Meist ist der Juckreiz das unangenehmste und quälendste Symptom der Urtikaria. Die betroffenen Patienten können „aus der Haut fahren“ und oft nicht schlafen. Der Juckreiz will übrigens (anders als der Juckreiz bei z.B. Neurodermitis) gerieben und nicht gekratzt werden, d.h. durch Fingernägel aufgekratzte Haut findet sich selten. Fast immer wird die betroffene Haut als überwärmt und nach dem Abklingen eines Schubes als trocken empfunden. Gelegentlich berichten Patienten auch über ein Brennen der Haut, selten über regelrechte Schmerzhaftigkeit der befallenen Hautstellen. Bei Patienten mit einer Urtikaria treten die Quaddeln oft am ganzen Körper auf, und nicht nur einmal, sondern oft mehrmals täglich und das jeden Tag über Monate, Jahre und sogar Jahrzehnte.

Während eines Urtikaria-Schubes können Kopfschmerzen oder Gelenkschmerzen auftreten. Hier ist zuerst abzuklären, ob die Quaddeln, der Juckreiz oder die Schwellungen nicht eine Folge der Behandlung der Schmerzen darstellen und beispielsweise durch die Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS, z.B. in Aspirin®) oder anderen chemisch verwandten Medikamenten ausgelöst wurden. Wir wissen nämlich, dass viele Medikamente zu einer Nesselsucht führen können. Patientinnen und Patienten, die unter einer Nesselsucht leiden, sollten an Stelle von Acetylsalicylsäure ein unbedenklicheres Schmerzmittel, wie z.B. Paracetamol einnehmen. Bei etwa jedem zehnten kommen auch Übelkeit, andere Verdauungsbeschwerden oder Atemnot vor. In extremen Fällen kann es auch bei der Urtikaria zum sogenannten anaphylaktischen Schock kommen. Schmerzen können aber auch auf eine Entzündung hinweisen und es ist bekannt, dass chronische, d.h. über einen längeren Zeitraum bestehende Entzündungen eine Urtikaria unterhalten können.

Lebensqualität

Es ist wenig überraschend, dass Urtikaria die Lebensqualität der Betroffenen negativ beeinträchtigen kann. Die Auswirkungen von Urtikaria gehen weit über die körperlichen Symptome hinaus und können gravierende Folgen für das Wohlbefinden und die Lebensqualität der Betroffenen haben. Häufig scheiternde Bemühungen, eine zugrundeliegende Ursache der Urtikaria zu ermitteln, die unvorhersehbaren Symptome und die hohe Belastung der Erkrankung führen bei den Betroffenen sehr oft zu Frustration.
Die Beschwerden bei Urtikaria können zu Schlafstörungen und Antriebslosigkeit führen. Juckreiz und Schlafstörungen können sich bei Betroffenen negativ auf das Berufsleben auswirken. Viele Betroffene fühlen sich im Alltagsleben eingeschränkt Die Erkrankung führt vielfach auch zu einer Einschränkung sozialer Kontakte und in weiterer Folge zu Isolation und Vereinsamung. Nicht selten treten Angstgefühle und Depression auf. Mitunter plagen sich Betroffene deshalb mit Suizidgedanken. Urtikaria stellt auch eine große Belastung für eine Partnerschaft dar und beeinflusst stark das Familienleben.

Wie behandelt man Urtikaria?

Die Therapie mit Medikamenten sieht bei allen chronischen Urtikariaformen gleich aus.

Abbildung: vgl Maurer et al.: Allergo J 2013, 22(5)

Nach einem dreistufigen Schema werden folgende Medikamente verwendet.

Antihistaminika
diese auch Allergikern wohlbekannten Medikamente, die den Wirkungen des Histamins entgegenwirken, werden zuerst verwendet. Zu Beginn wird eine einfache Tagesdosis empfohlen, die auch für Allergiker üblich ist. Das entspricht zum Beispiel 5mg bei Levocetirizin oder Desloratadin, das sind 10mg bei Cetirizin, Loratadin, das sind 20mg bei Bilastin und schließlich 180mg bei Fexofenadin.
Wenn nach 2 Wochen kontinuierlicher Einnahme des Antihistaminikums immer noch Beschwerden bestehen, kann die Dosis vom Arzt manchmal wesentlich höher verordnet werden. Bis zum Vierfachen dessen, was in der Packungsbeilage als übliche Dosis angegeben wird. Gefährlich ist das nicht. Allerdings führen die hohen Dosen bei manchen Menschen zu Müdigkeit oder Schläfrigkeit.
Etwa zwei Drittel aller Urtikaria-Patienten können mit Antihistaminika und anderen, nicht-medikamentösen Maßnahmen gut mit der Krankheit leben. Für das restliche Drittel stehen jedoch noch weitere Möglichkeiten zur Verfügung.

Leukotrienantagonisten
Leukotriene sind Botenstoffe, die bei Entzündungen entstehen und bei der Entstehung von Asthmasymptomen wie Schwellungen und Verengungen der Atemwege mitwirken. Auch dieses Medikament wird daher primär bei Asthmatikern eingesetzt, wirkt aber auch bei manchen Urtikaria-Patienten.

Leukotrien-Antagonisten wie z.B. Montelukast heben die Effekte der entzündungsfördernden Leukotriene auf. Sie gelten jedoch als schwächer wirksam als Antihistaminika.

Cyclosporin A
Cyclosporin A unterdrückt das Immunsystem und damit auch die Mastzellen. Es wird auch bei schwerer Psoriasis, schwerer atopischer Dermatitis oder bei der chronischen Polyarthritis/Rheumatoiden Arthritis eingesetzt. Es ist aber zum Teil mit – auch schweren – Nebenwirkungen behaftet und daher muss die Therapie gut überwacht werden.

Omalizumab (neu in der Therapie)
Ein neues Medikament ist Omalizumab. Auch dieses Medikament wurde ursprünglich gegen Asthma entwickelt. Nur durch Zufall entdeckte man seine Wirksamkeit gegen Urtikaria. Omalizumab wird nicht als Tablette eingenommen, sondern unter die Haut gespritzt. Omalizumab wirkt gegen das Immunglobulin E, kurz IgE. Eigentlich spielt dieses Immunglobulin – so dachte man zumindest bisher – bei den meisten Formen der Urtikaria nur eine untergeordnete Rolle. Allerdings ist bekannt, dass IgE bei Allergikern eine sehr wichtige Rolle in der Aktivierung der Mastzellen besitzt. Vermutlich behindert die Blockade des IgE durch Omalizumab einfach die Aktivität der Mastzellen oder die „Kaskade“, die zu immer weiteren Quaddeln und Angioödemen führt.
Es gibt zahlreiche Klinische Studien, die zeigen, dass Omalizumab gut und sicher vor allem aber meist sehr rasch wirkt.

Sollten die Beschwerden mit diesem Therapieschema kurzfristig nicht zu kontrollieren sein, kann Kortison als Tablette oder als Spritze eingesetzt werden. Dies soll stets als Einmaltherapie oder als Kurzzeittherapie angelegt sein. Eine dauerhafte Behandlung mit Kortison ist bei Urtikaria nicht geeignet.

Weitere Verfahren
Zu den experimentellen symptomatischen Verfahren gehören beispielsweise Behandlungen mit Probiotika, die sogenannte Histamingewöhnungstherapie (mit Histaglobin), autologe Vollblutinjektionen und die Akupunktur.

Notfallset
Bei schwerer chronischer Urtikaria, z.B. beim Auftreten von Schleimhautschwellungen mit Schluckbeschwerden und Atemnot, wird das ständige Mitführen eines sogenannten Notfallsets empfohlen, mit dem sich schwere Urtikariaschübe kontrollieren lassen. Meist enthalten solche Notfallsets ein schnell wirksames Kortisonpräparat sowie ein Antihistaminikum.