Da Lungenkrebs meist erst im fortgeschrittenen Stadium Beschwerden macht, wird die Diagnose oft erst bei der Abklärung anderer Erkrankungen oder Operationen gestellt. Die COVID-19-Pandemie reduzierte die Anzahl dieser Zufallsbefunde noch mehr: Es kam es während der Pandemie zu 42 Prozent weniger Neudiagnosen, bei denen es sich um weiter fortgeschrittene Erkrankungen handelt. Eine rechtzeitige Diagnose ist aber enorm wichtig. Denn je früher mit einer Therapie begonnen wird, umso höher sind die Überlebenschancen. Medikamente, die möglichst früh zum Einsatz kommen, können zudem das Wiederaufflammen von Lungenkrebs stark hintanhalten.

Wenn eine Lungenkrebs-Erkrankung bereits spezifische Symptome zeigt, befindet sich der Krebs meist schon in einem fortgeschrittenen Stadium. „Die meisten Betroffenen klagen über Husten, Atemnot und/oder Schmerzen in der Brust. Allerdings haben auch rund ein Drittel aller Patient*innen keine Beschwerden, da die Diagnose oft ein Nebenbefund ist oder einen Zufallsbefund darstellt“, erklärte der Lungenexperte Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour von der Klinik Floridsdorf und Leiter des Karl Landsteiner Instituts für Lungenforschung und Pneumologische Onkologie bei einem Mediengespräch Mitte September in Wien.

Nicht jeder Husten muss Lungenkrebs sein

Die anwesenden Expert*innen empfahlen, mögliche Symptome ernst zu nehmen. Denn Husten entsteht Valipour zufolge durch eine Irritation der Atemwege. Somit ist Husten ein relativ häufiges Symptom und kann gelegentlich auch bei lungengesunden Personen ohne weitere Bedeutsamkeit vorkommen. Patient*innen mit anhaltendem Husten über mehr als vier Wochen, die keine Besserung durch herkömmliche Therapien – etwa die Behandlung einer Atemwegsinfektion oder von Asthma oder COPD – aufweisen, sollten ihre Beschwerden lungenärztlich abklären lassen.

Weniger Neudiagnosen durch seltener Facharztbesuche

Auch wenn die Versorgungsangebote durch Lungenfachärzt*innen im niedergelassenen Bereich und in Spitälern während der Pandemie unverändert blieben, wurden die Angebote seltener in Anspruch genommen. So schilderte Prim. Assoc. Prof. Dr. Peter Errhalt vom Universitätsklinikum Krems, dass es in Krems in den letzten Jahren vor der Pandemie einen stetigen Zuwachs an Neudiagnosen gegeben habe. Doch im Jahr 2020 sei im Vergleich zu 2019 ein Rückgang um 42 Prozent vermerkt worden.

Die Ursachen sieht der Lungenfacharzt vor allem in einer Reduktion weniger dringlicher Eingriffe oder geplanter Operationen und somit auch in einem Rückgang an „Zufallsbefunden“. Doch auch das Pandemiegeschehen selbst hat dazu beigetragen. So gaben Patient*innen an, speziell im ersten Lockdown aus Angst vor einer Ansteckung mit COVID-19 das Krankenhaus gemieden zu haben.

Diese Zurückhaltung der Patient*innen bestätigt auch Gundula Koblmiller, Vorstandsmitglied der Österreichischen Lungenunion: „Die Patient*innen und deren Angehörige berichten uns, dass sie aus Angst vor einer Ansteckung oft zuhause geblieben sind und Termine nicht wahrgenommen haben bzw. auch von den Institutionen teilweise sogar darin bestärkt worden sind, zu Hause zu bleiben. Gerade bei Lungenkranken hat das verheerende Folgen, denn eine frühe Diagnose kann viel Leid ersparen.“

Da die Sterblichkeit bei Lungenkrebs mit der Zunahme des Tumorstadiums auch trotz guter und innovativer Therapien steigt, hat die Vorsorge eine besondere Wichtigkeit. Schließlich kann bei rechtzeitiger Diagnose früh mit der Therapie begonnen werden. Koblmiller fordert Patient*innen auf, auch in Pandemiezeiten zur Vorsorge zu gehen und eventuell auftretende Symptome – etwa einen langanhaltenden Husten – abklären zu lassen.

Neue Therapien geben Anlass zur Hoffnung

Bei Lungenkrebs werden zwei große Gruppen unterschieden: Das Nicht-kleinzellige Bronchialkarzinom (NSCLC) und das Kleinzellige Bronchialkarzinom (SCLC). Beide Gruppen unterscheiden sich im Verlauf der Erkrankung und in der Behandlung. Es überwiegt der Anteil der Patient*innen mit NSCLC. Das Tückische an Lungenkrebs – und speziell am NSCLC – ist, dass er nach erfolgreicher erster Behandlung erneut auftreten kann. Die Rückfallrate ist bei Lungenkrebs besonders hoch: Nur etwa 38 Prozent der Patient*innen in Stadium II bzw. 24 Prozent in Stadium III sind nach fünf Jahren noch krankheitsfrei. Der Krebs kehrt wieder und kann an verschiedenen Stellen des Körpers Metastasen bilden. Besonders häufig siedeln sich diese im Gehirn, im zentralen Nervensystem, an.

Die gute Nachricht: Neue, zielgerichtete Therapien können schon frühzeitig eingesetzt werden und somit die Rückfallraten erheblich reduzieren.

v.l.n.r.: Dr. Maher Najjar; Gundula Koblmiller; Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour; Prim. Assoc. Prof. Dr. Peter Errahlt, Fotocredit: FINE FACTS Health Communication, Veranstaltung: Mediengespräch Herausforderung Lungenkrebs in Zeiten der Pandemie am 10. September 2021 in Wien
Corona brachte spätere Diagnosen und schwerere Lungenkrebsfälle zutage. Doch neue Therapien geben Anlass zur Hoffnung v.l.n.r.: Dr. Maher Najjar; Gundula Koblmiller; Prim. Priv.-Doz. Dr. Arschang Valipour; Prim. Assoc. Prof. Dr. Peter Errahlt, Fotocredit: FINE FACTS Health Communication

Expertentipps

  • Die wichtigste Maßnahme ist, mit dem Rauchen aufzuhören bzw. noch besser, gar nicht damit zu beginnen!
  • Gesunder Lebensstil in Form von ausreichend Bewegung und gesunder Ernährung sowie regelmäßige ärztliche Vorsorgeuntersuchungen.
  • Bei anhaltenden Beschwerden (Husten, Atemnot, Schmerzen im Brustkorb etc.) ärztliche Hilfe aufsuchen und Abklärung einfordern.
  • Bei bereits bestehender Diagnose weiterhin die vereinbarten Termine der Nachsorge wahrnehmen.
  • Patient*innen mit Lungenkrebs haben ein erhöhtes Risiko für schwere COVID-19 Verläufe und sollten daher geimpft werden.

Link: Karl Landsteiner Institut für Lungenforschung und Pneumologische Onkologie

Quelle: Mediengespräch am 10. September 2021