Der Sommer bringt nicht nur Urlaub, Sonne und Erholung, sondern auch vermehrt Pollen und Heuschnupfen. Etwa jeder achte Österreicher leidet an einer Allergie gegen Pollen, Tierhaare, Insektengift oder Hausstaubmilben. Priv.-Doz. Mag. Dr. Stefan Wöhrl, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten im Floridsdorfer Allergiezentrum, erklärt im Interview, warum eine Immuntherapie sinnvoll ist, sie als einzige Therapie die Ursache der Krankheit bekämpft und der Patient unbedingt mitspielen muss.

Priv.-Doz. Mag. Dr. Stefan Wöhrl
Foto: Richard_Schuster

Worum handelt es sich bei der Immuntherapie?

Bei einer Allergie hat das Immunsystem eine unsinnige Immunantwort gelernt: ein Pollenkorn, eine Hausstaubmilbe, Tierhaare oder Schimmelpilzsporen werden als gefährlich angesehen und attackiert. Prinzipiell hat man verschiedene Möglichkeiten, eine Allergie zu behandeln. Eine Option ist die symptomatische Behandlung mit Medikamenten. Der einzige ursächliche Ansatz ist jedoch die Allergie-Immuntherapie. Dabei wird versucht, die Ursache der Allergie, das immunologische Problem, zu beheben.

Die schlechte Art der Immunantwort soll durch eine andere Art der Immunantwort ersetzt werden. Letztlich können wir eine Allergie nicht löschen, aber versuchen, die unnütze immunologische Antwort in eine weniger schädliche umzuwandeln. Das nennen wir Toleranz. Und das ist nur mit einer Immuntherapie möglich. Zudem ist die Immuntherapie auch die einzige Variante, um den gefährlichen Etagenwechsel zu verhindern. Denn das Problem der Allergien ist, dass sie stärker und mehr werden. Das beginnt schon beim jungen Allergiker. Zuerst ist nur die Nase betroffen, dann gibt es auch Probleme in der Lunge.

Wann macht Immuntherapie Sinn?

Da gibt es keine klaren Regeln. Wichtig ist, dass das Allergen nicht vermeidbar ist. Wenn es mehr wird, die Medikamente gegen den Juckreiz und Heuschnupfen nicht ausreichen, ein Husten hinzukommt, dann sollte man an eine Immuntherapie denken. Wichtig wäre dies besonders für Kinder, damit dieser gefährliche Etagenwechsel Richtung Lunge nicht passiert. Zudem sind Kinder noch nicht gegen so viele Stoffe allergisch. Wir dürfen beim Einsatz der Immuntherapie nicht so zurückhaltend sein. Denn sie ist sicher und wirksam und verhindert letztlich auch schwerwiegendere Erkrankungen.

Der wichtigste Baustein: Der Patient muss für die Immuntherapie motiviert sein. In der neuesten, deutschsprachigen Leitlinie, die demnächst veröffentlicht wird, ist die Compliance, also die Mitarbeit des Patienten bei der Therapie von Anfang bis zum Ende, der wesentlichste Erfolgsfaktor. Er muss diese Reise für drei Jahre mitmachen. Aber dafür bekommt er Symptomlinderung – je nach Allergen um 60 bis 80 %, bei der Insektengiftallergie sogar 90 bis 95 %. Zudem verringert eine Immuntherapie die Wahrscheinlichkeit des Etagenwechsels. Neu ist auch, dass nach diesen Leitlinien Asthma keine Kontraindikation, sondern sogar eine Indikation zur Immuntherapie ist.

Welche Diagnostik wird durchgeführt?

Das Wichtigste ist eine klare Anamnese, also eine Abklärung durch den Arzt. Der Patient muss Symptome zur richtigen Jahreszeit haben und der Arzt muss durch mindestens ein Testsystem beweisen, dass eine Allergie vorliegt: Hauttest oder Bluttest.

Gegen welche Allergene gibt es Immuntherapie?

Leider gibt es nicht gegen alle Allergene eine Immuntherapie. Am besten hat es der Patient, der gegen die Wald-und-Wiesen-Allergene allergisch ist – also Gräser, Birkenpollen, Hausstaub – eventuell noch Ragweed. Sehr wirksam und auch gut untersucht sind die Immuntherapien gegen Bienen- und Wespengift. Vor allem wenn man auf Bienen- oder Wespenstiche mit einem allergischen Schock reagiert, ist die Immuntherapie die einzige Möglichkeit einer Vorbeugung gegen den Schock.

Schlecht funktioniert die Immuntherapie bei Allergien gegen Haustiere. Zwar ist hier oft ein großer Bedarf, aber die Immuntherapie ist nicht für Patienten gedacht, die ein Haustier behalten möchten. Sinnvoll ist sie für Menschen, die so stark allergisch sind, dass sie sogar Symptome bekommen, wenn eine Person, die ein Haustier hat, die Haare auf der Kleidung mitbringt: Für den Lehrer, der in der Klasse steht und spürt, dass sieben Kinder Haustiere haben, kann man eine Immuntherapie probieren.

Was ist sinnvoller – Spritzen, Tabletten oder Tropfen?

Die klassische Immuntherapie wird gespritzt, das ist immer noch der goldene Standard. Daran muss sich jede andere Gabe messen. Es gibt aber auch noch die Fragen zu lösen, ob die Therapie drei oder fünf Jahre, präsaisonal oder kontinuierlich durchgeführt werden soll. Das muss der Facharzt gemeinsam mit dem Patienten entscheiden.

Für mich als Allergologe ist der maximale, effektive Therapieerfolg wichtig. Und dabei ist das größte Problem die Compliance. Kann man darauf vertrauen, dass der Patient seine Therapie drei Jahre lang durchführt? Zwar ist der Patient schon mit der ersten Phase der Immuntherapie gut geschützt, aber ein immunologischer Effekt ist noch lange nicht erreicht. Um eine Toleranz zu erreichen, sind drei Jahre nötig.

Andererseits ist das Alterslimit für die Immuntherapie gefallen. Ältere Patienten mit Blutverdünnung haben oft das Problem mit Hämatomen. Auch bei einer Spritzenangst macht eine Immuntherapie mit Tropfen oder Tabletten auf jeden Fall Sinn. Bei der Tropfenimmuntherapie gibt es aber keine Daten für Kinder, deshalb wird dies laut den Leitlinien bei Kindern nicht empfohlen. Anders sieht es bei der Gräser- oder Hausstaubtablette aus, da gibt es sehr gute Daten.

Sollte die Immuntherapie während der Allergiesaison begonnen werden oder danach?

Zu empfehlen ist, nach der Saison zu beginnen. Bei einem Beginn in der Saison sind die Nebenwirkungen höher, in Ausnahmefällen macht das auch Sinn. Wichtig ist in diesem Zusammenhang: Eine Immuntherapie ist eine sehr sichere Therapie. Wenn wir von Nebenwirkungen sprechen, sind diese sehr mild – etwa Jucken oder Brennen. Meist lassen diese auch nach spätestens einem Monat nach. Generell hat jedes Schmerzmittel aus der Apotheke, das man ohne Rezept kaufen kann, eine 10 bis 100 Mal höhere Nebenwirkungsrate als die Immuntherapie.