Dr. Marcel Rowhani, niedergelassener Lungenfacharzt in Wien, erläutert zunächst die Bedeutung des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). RSV ist ein weltweit verbreitetes Atemwegsvirus, das sowohl die oberen als auch die unteren Atemwege befallen kann. Die Übertragung erfolgt vor allem über Tröpfchen sowie über direkten Kontakt und kontaminierte Oberflächen. Die Infektionen treten insbesondere in der kalten Jahreszeit auf; der Erkrankungsgipfel liegt nach den Ausführungen des Vortragenden ungefähr zwischen November und April. Eine einmal durchgemachte Infektion bietet zudem keinen dauerhaften Schutz, sodass erneute Infektionen möglich sind.
Interview zu RSV mit Dr. Marcel Rowhani
Das Video-Interview mit Dr. Marcel Rowhani folgt in Kürze.

Bedeutung und Verbreitung von RSV
RSV wird häufig mit Erkrankungen bei Kleinkindern in Verbindung gebracht. Der Vortragende betont jedoch, dass auch ältere Menschen und Personen mit chronischen Erkrankungen besonders gefährdet sind. In Österreich werden jährlich etwa 2.300 Krankenhausaufenthalte bei älteren Erwachsenen mit RSV in Verbindung gebracht.
RSV ist klinisch nicht immer eindeutig zu erkennen
Ein wesentliches Problem besteht darin, dass sich RSV anhand der Symptome allein häufig nicht sicher von anderen Atemwegsinfektionen unterscheiden lässt. Fieber, Husten und Schnupfen können ebenso durch Influenza, COVID-19, Pertussis oder andere virale beziehungsweise bakterielle Erreger verursacht werden.
Zur näheren Abklärung können Schnelltests eingesetzt werden, insbesondere für RSV, Influenza und COVID‑19. Zusätzlich kann ein CRP-Schnelltest Hinweise auf eine bakterielle Infektion geben. Dabei weist Dr. Rowhani darauf hin, dass auch sogenannte Coinfektionen vorkommen können: Eine virale Infektion schließt eine zusätzliche oder nachfolgende bakterielle Infektion nicht aus.
Wer besonders gefährdet ist
Besondere Vorsicht ist laut Vortrag bei Menschen ab etwa 60 Jahren sowie bei Personen mit Vorerkrankungen geboten. Als relevante Risikofaktoren nennt Dr. Rowhani insbesondere chronische Lungenerkrankungen wie COPD, schweres oder schlecht eingestelltes Asthma, Bronchiektasen, interstitielle Lungenerkrankungen und pulmonale Hypertonie.
Auch bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen können einen schweren Verlauf begünstigen. Dazu zählen unter anderem Herzschwäche, koronare Herzerkrankungen und Herzrhythmusstörungen. Weitere Risikofaktoren sind Diabetes, chronische Nierenerkrankungen, Übergewicht, Tumorerkrankungen, eine immunsuppressive Behandlung sowie ein dauerhaft erhöhter Pflege- oder Betreuungsbedarf.
Auswirkungen von RSV auf die Lunge
RSV verursacht eine Entzündung der Atemwegsschleimhaut und kann zu einer verstärkten Schleimproduktion führen. Gleichzeitig können sich die Bronchien verengen. Dadurch können Husten, pfeifende Atemgeräusche und Atemnot entstehen. In schweren Fällen kann der Gasaustausch beeinträchtigt werden und ein Sauerstoffmangel auftreten.
Besonders problematisch ist eine RSV-Infektion für Menschen, deren Lunge bereits durch eine chronische Erkrankung vorgeschädigt ist. Bei COPD können Virusinfektionen Exazerbationen, also deutliche Verschlechterungen der Erkrankung, auslösen. Auch bei Asthma kann RSV einen Asthmaanfall verursachen. Darüber hinaus kann sich aus einer RSV-Infektion eine Lungenentzündung entwickeln.
Der Vortragende weist außerdem darauf hin, dass die vollständige Erholung nach einem schweren Infekt längere Zeit dauern kann. Die ursprüngliche Belastbarkeit wird nicht immer rasch wieder erreicht.
Belastung für Herz und Kreislauf
RSV betrifft nach den Ausführungen des Vortragenden nicht ausschließlich die Atemwege. Fieber und Entzündungsreaktionen können auch das Herz-Kreislauf-System erheblich belasten. Bei Fieber steigt beispielsweise die Herzfrequenz, wodurch das Herz mehr Sauerstoff benötigt. Gleichzeitig kann eine eingeschränkte Sauerstoffversorgung durch die Atemwegserkrankung die Belastung zusätzlich erhöhen.
Bei Menschen mit bestehenden Herz- und Gefäßerkrankungen kann eine Infektion zu einer Verschlechterung führen. Dr. Rowhani erklärt beispielsweise, dass sich bei bestehender Arteriosklerose durch die Belastung ein vorhandener Gefäßbelag destabilisieren und im schlimmsten Fall einen Herzinfarkt auslösen kann. Auch bei einer bestehenden Herzschwäche können die Veränderungen des Flüssigkeitshaushalts während eines Infekts zu einer zusätzlichen Belastung führen.
Warnzeichen für einen schweren Verlauf
Ein besonderer Schwerpunkt des Vortrags liegt auf der Frage, wann eine Atemwegsinfektion nicht mehr als unkomplizierter Infekt betrachtet werden sollte.
Als wichtige Warnzeichen nennt Dr. Rowhani:
- deutlich zunehmende Atemnot,
- Atemnot bereits in Ruhe oder bei geringer Belastung,
- Atempausen beim Sprechen aufgrund von Luftnot,
- neu auftretende Atemgeräusche,
- verfärbter Schleim,
- hohes Fieber,
- eine deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustands,
- eine wiederholt deutlich niedrigere Sauerstoffsättigung,
- bläuliche Lippen oder Zunge,
- Brustschmerzen oder Druckgefühl im Brustkorb,
- Herzrasen oder unregelmäßiger Puls,
- neu auftretende Beinödeme,
- rasche Gewichtszunahme durch Flüssigkeitseinlagerungen,
- plötzliche Verwirrtheit oder Benommenheit.
Bei schwerer Atemnot, Brustschmerzen, Kollapsneigung, Bewusstseinsstörungen oder einer raschen Verschlechterung des Allgemeinzustands sollte rasch medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden.
Möglichkeiten der Prävention
Dr. Rowhani stellt mehrere Säulen der Vorbeugung vor. Dazu gehören zunächst allgemeine Maßnahmen für die Gesundheit: Rauchstopp, regelmäßige Bewegung im Rahmen der persönlichen Möglichkeiten, Rehabilitation beziehungsweise Atemphysiotherapie, ausgewogene Ernährung und ausreichend Schlaf.
Eine weitere Säule ist der Infektionsschutz. Dazu zählen insbesondere Handhygiene, Hustenhygiene, regelmäßiges Lüften und das Vermeiden unnötiger Kontakte zu gefährdeten Personen, wenn man selbst erkrankt ist. Umgekehrt sollten Personen mit erhöhtem Risiko Kontakte zu infektiösen Menschen möglichst vermeiden.
Bei chronisch Kranken ist außerdem eine gute Einstellung der Grunderkrankung wichtig. Menschen mit beispielsweise COPD sollten ihre Dauermedikation kennen und einen konkreten Aktionsplan für den Fall einer Verschlechterung haben.
Schutzimpfungen
Als weitere wichtige Präventionsmaßnahme wird die RSV-Impfung hervorgehoben. Laut Vortrag hält der Impfschutz bei Erwachsenen zumindest drei Jahre an. Die RSV-Impfung wird im Vortrag für Menschen ab 60 Jahren beziehungsweise für Risikopersonen mit Vorerkrankungen empfohlen.
Darüber hinaus spricht sich Dr. Rowhani insbesondere bei Menschen mit chronischen Lungenerkrankungen für die Impfungen gegen Influenza, COVID-19 und Pneumokokken sowie für regelmäßige Auffrischungen gegen Pertussis und Herpes Zoster aus.
Kernaussage des Vortrags
Zum Abschluss betont Dr. Rowhani, dass RSV keineswegs ausschließlich eine Kinderkrankheit ist. Gerade für ältere Menschen und Personen mit chronischen Lungenerkrankungen kann die Infektion schwerwiegend sein. RSV kann nicht nur die Atemwege und die Lunge, sondern auch Herz und Kreislauf belasten. Besonders wichtig seien daher die frühzeitige Erkennung von Warnzeichen, eine gute Behandlung bestehender Grunderkrankungen, ein klarer Plan für Verschlechterungen sowie geeignete Schutzmaßnahmen einschließlich der empfohlenen Impfungen.
Fragenteil – Fragen und Antworten
1. Kann man erkennen, ob es sich um RSV, Influenza oder COVID-19 handelt, ohne einen Test zu machen?
Nein, anhand der Beschwerden allein lässt sich der Erreger in der Regel nicht sicher feststellen. Bei Fieber, Husten und Schnupfen während der kalten Jahreszeit können verschiedene Viren oder auch bakterielle Erreger die Ursache sein. Dr. Rowhani betont deshalb, dass man sich nicht allein auf die Symptome verlassen kann.
Schnelltests können dabei helfen, häufige virale Erreger wie RSV, Influenza oder COVID-19 nachzuweisen. Ein CRP-Schnelltest kann zusätzlich einen Hinweis darauf geben, ob möglicherweise eine bakterielle Infektion vorliegt und eine Behandlung mit Antibiotika erforderlich sein könnte. Ob eine Person zu Hause behandelt werden kann oder eine Behandlung im Krankenhaus benötigt, hängt außerdem vom Allgemeinzustand und weiteren Untersuchungen ab. Eine Lungenentzündung kann beispielsweise durch ein Lungenröntgen festgestellt werden.
2. Welche Bedeutung hat die FFP2-Maske beim Schutz vor RSV?
Dr. Rowhani bestätigt, dass die FFP2-Maske eine sinnvolle Schutzmaßnahme ist und im Vortrag ausdrücklich hätte erwähnt werden sollen. Neben Impfungen, Handhygiene und dem Vermeiden von Kontakten bei eigener Erkrankung können Schutzmasken dazu beitragen, die Übertragung von Tröpfcheninfektionen zu reduzieren.
Insbesondere Menschen mit chronischen Lungen- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen können sich während der kalten Jahreszeit in Situationen mit vielen Menschen, beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln oder bei größeren Menschenansammlungen, durch das Tragen einer Maske zusätzlich schützen. In seiner Ordination erhalten auch Patientinnen und Patienten mit Husten und Schnupfen eine Schutzmaske.
3. Welche Rolle spielt die Handhygiene beim Schutz vor RSV?
Da RSV nicht nur über Tröpfchen, sondern auch über Hände und Oberflächen übertragen werden kann, ist eine gute Handhygiene wichtig. Nach Kontakt mit möglicherweise verunreinigten Oberflächen, beispielsweise Türgriffen, sollten die Hände gründlich gewaschen oder gegebenenfalls desinfiziert werden. Dadurch soll verhindert werden, dass Erreger anschließend über die Hände in das Gesicht, an Mund oder Nase gelangen.
4. Was bedeutet die genannte Zahl von etwa 2.300 Krankenhausaufenthalten im Zusammenhang mit RSV?
Die Zahl von rund 2.300 darf laut Dr. Rowhani nicht so verstanden werden, dass RSV in jedem einzelnen Fall alleinige Ursache für die Krankenhauseinweisung war. Vielmehr spielte RSV bei diesen Fällen eine Rolle.
Der Vortragende erklärt außerdem, dass RSV erst seit einigen Jahren stärker beobachtet wird. Früher wurde weniger darauf geachtet, wie häufig RSV-Infektionen bei Erwachsenen tatsächlich vorkommen und wie viele davon zu einer Hospitalisierung führen. Daher müsse die Entwicklung in den kommenden Jahren noch genauer beobachtet werden. Eine aktuell verlässliche Zahl ausschließlich RSV-bedingter Krankenhausaufnahmen konnte Dr. Rowhani im Gespräch nicht nennen.
5. Wie schwer kann eine RSV-Infektion tatsächlich verlaufen?
Dr. Rowhani erklärt, dass ein Atemwegsinfekt durchaus mild verlaufen kann und man sich nach einigen Wochen wieder erholt. Bei älteren Menschen oder Personen mit chronischen Erkrankungen besteht jedoch ein deutlich höheres Risiko für einen schweren Verlauf.
Auch nach einem überstandenen schweren Infekt kann die Erholungsphase sehr lange dauern. Die körperliche Belastbarkeit kann über Wochen oder sogar Monate eingeschränkt sein. Bei Menschen mit eingeschränkter körperlicher Reserve kann es besonders schwierig sein, wieder das ursprüngliche Leistungsniveau zu erreichen.
6. Welche langfristigen Folgen können schwere Infektionen insbesondere bei COPD haben?
Bei Menschen mit COPD kann eine durch einen Infekt ausgelöste Exazerbation, also eine deutliche Verschlechterung der Erkrankung, einen nachhaltigen Einschnitt darstellen. Nach einer solchen Verschlechterung kann die körperliche Belastbarkeit und damit auch der Bewegungsradius dauerhaft geringer sein als zuvor.
Dr. Rowhani betont deshalb, dass jede solche Verschlechterung möglichst verhindert werden sollte, insbesondere weil es Möglichkeiten gibt, sich durch geeignete Schutzmaßnahmen teilweise davor zu schützen.
7. Sollte die RSV-Impfung für besonders gefährdete Menschen von der Krankenkasse übernommen werden?
Dr. Rowhani befürwortet ausdrücklich eine Erstattung der empfohlenen Schutzimpfungen für vulnerable beziehungsweise besonders gefährdete Personengruppen. Für ihn stehen dabei vor allem die Lebensqualität und die Lebensdauer der Patientinnen und Patienten im Vordergrund.
Er weist gleichzeitig darauf hin, dass eine Kostenübernahme auch aus wirtschaftlicher Sicht sinnvoll sein kann. Wenn durch Impfungen schwere Infektionen, Komplikationen und Krankenhausaufenthalte verhindert werden können, kann dies auch finanziell sinnvoll sein.
Zusammenfassung des Fragenteils
Der Fragenteil vertieft vor allem die praktische Bedeutung des Infektionsschutzes. Es wird deutlich, dass RSV anhand der Symptome allein nicht sicher von anderen Atemwegsinfektionen unterschieden werden kann und Tests deshalb eine wichtige Rolle spielen. Zusätzlich werden FFP2-Masken, Handhygiene und Impfungen als wichtige Schutzmaßnahmen hervorgehoben.
Besonders betont wird außerdem, dass schwere RSV-Verläufe eine lange Erholungszeit verursachen können und bei Menschen mit chronischen Erkrankungen dauerhafte Verschlechterungen der körperlichen Belastbarkeit möglich sind. Abschließend sprechen sich die Gesprächsteilnehmer für einen besseren Zugang zur RSV-Impfung für besonders gefährdete Personengruppen aus.
Weitere Informationen zu Dr. Macel Rowhani unter: www.lungendoktor.at
Wir danken der Firma GSK für die Unterstützung dieser Fortbildungsveranstaltung.
Bild: ChatGPT
Weiterführende Informationen
Weiterführende Informationen finden Sie unter folgenden Links:
https://www.lungenunion.at/c/atemwege-lunge/respiratorisches-synzytial-virus-rsv/
https://www.lungenunion.at/?s=RSV














