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Nasenpolypen, Rhinosinusitis und Asthma – Einblicke von Frau Univ.-Prof. Dr. Julia Eckl-Dorna in die aktuelle Forschung und welche Rolle Epithel und Umwelt dabei spielen

Bronchiektasen-Atemwegserkrankung

Im Interview zeichnet Frau Univ.-Prof. Dr. Julia Eckl-Dorna ein differenziertes Bild der aktuellen Forschung zu Allergien, Asthma und chronischer Rhinosinusitis und zeigt, wie stark sich das Verständnis dieser Erkrankungen in den letzten Jahren gewandelt hat.


Vortrag Rhinosinusitis und Asthma von Univ.-Prof. Dr. Julia Eckl-Dorna

Der Videomitschnitt des Vortrags ist in Kürze hier zu finden.

Univ.-Prof. Dr. Julia Eckl-Dorna
Univ.-Prof. Dr. Julia Eckl-Dorna

Die Rolle des Epithels

Im Zentrum steht dabei das Epithel, also jene Zellschicht, die die Atemwege – von der Nase bis in die Lunge – auskleidet und die direkte Schnittstelle zwischen Körper und Umwelt bildet. Lange Zeit wurde dieses Gewebe vor allem als passive Schutzbarriere betrachtet, deren Hauptaufgabe darin bestand, Schadstoffe und Partikel mechanisch abzuwehren und aus dem Körper zu transportieren. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse haben jedoch gezeigt, dass das Epithel weit mehr ist: Es handelt sich um ein hochaktives immunologisches Organ, das Umweltreize erkennt, verarbeitet und aktiv Entzündungsreaktionen steuert.

Diese Neubewertung hat weitreichende Konsequenzen für das Verständnis chronischer Atemwegserkrankungen. Heute geht man davon aus, dass viele Entzündungsprozesse, wie sie bei Asthma oder chronischer Rhinosinusitis auftreten, ihren Ausgangspunkt im Epithel haben. Dieses reagiert auf verschiedenste Einflüsse – von Viren und Bakterien über Allergene bis hin zu chemischen Substanzen wie Luftschadstoffen oder sogar alltäglichen Produkten wie Seifen – und setzt daraufhin Botenstoffe frei, die eine komplexe Entzündungskaskade in Gang setzen. Besonders relevant ist dabei die sogenannte Typ-2-Immunität, ein evolutionär ursprünglich zur Parasitenabwehr entwickelter Mechanismus, der bei Allergien und bestimmten chronischen Entzündungen fehlgeleitet aktiviert wird und zu einer überschießenden Immunreaktion führt. Diese Form der Immunantwort ist auch entscheidend an der Entstehung von Nasenpolypen beteiligt und erklärt, warum Erkrankungen wie Asthma und Rhinosinusitis häufig gemeinsam auftreten.

Trotz dieser Fortschritte bleibt eine zentrale Frage offen: Was genau kennzeichnet ein gesundes Epithel? Während krankhafte Prozesse relativ gut beschrieben sind, ist das Verständnis von Gesundheit deutlich komplexer. In diesem Zusammenhang rückt das Mikrobiom der Atemwege zunehmend in den Fokus. Ähnlich wie im Darm leben auch in der Nase zahlreiche Mikroorganismen, die in enger Wechselwirkung mit dem Epithel stehen. Diese mikrobiellen Gemeinschaften können das Immunsystem beeinflussen und möglicherweise darüber entscheiden, ob entzündliche Prozesse entstehen oder verhindert werden. Die Forschung versucht daher zu klären, wie ein „gesundes“ Mikrobiom aussieht und wie es therapeutisch beeinflusst werden kann.

Fortschritte in der klinischen Therapie

Parallel zu diesen grundlagenwissenschaftlichen Fragestellungen haben sich in der klinischen Therapie bedeutende Fortschritte ergeben. Besonders hervorzuheben ist die Entwicklung sogenannter Biologika – hochspezialisierter Antikörper, die gezielt in die Entzündungskaskade eingreifen. Diese Medikamente blockieren spezifische Botenstoffe wie Interleukine und können dadurch die krankhafte Immunreaktion effektiv dämpfen. In den letzten Jahren wurden zunehmend Wirkstoffe entwickelt, die immer früher in diese Kaskade eingreifen, also näher am Ursprung der Entzündung ansetzen. Zudem gibt es neue Ansätze, Antikörper zu entwickeln, die gleichzeitig mehrere Zielstrukturen blockieren können.

Langzeitstudien zeigen, dass diese Therapien nicht nur wirksam, sondern auch sicher sind – ein entscheidender Punkt, da sie gezielt in das Immunsystem eingreifen. Daten über mehrere Jahre, teilweise sogar über ein Jahrzehnt, belegen, dass keine schwerwiegenden Langzeitnebenwirkungen wie etwa ein erhöhtes Krebsrisiko auftreten. Gleichzeitig wird daran gearbeitet, die Anwendung für Patientinnen und Patienten komfortabler zu gestalten, etwa durch Medikamente, die nur noch in größeren Abständen verabreicht werden müssen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die zunehmende Individualisierung der Behandlung. Da chronische Rhinosinusitis und verwandte Erkrankungen sehr unterschiedlich verlaufen können, versucht die Forschung, spezifische Entzündungsmuster – sogenannte Endotypen – zu identifizieren. Mithilfe moderner Technologien wie künstlicher Intelligenz werden Biomarker analysiert, die eine Vorhersage darüber ermöglichen sollen, welche Therapie bei welchem Patienten am besten wirkt. Ein vielversprechender Ansatz besteht darin, Nasensekret zu untersuchen, da es die lokalen Entzündungsprozesse direkter widerspiegelt als beispielsweise Blutproben. Ziel ist es, einfache diagnostische Verfahren zu entwickeln, mit denen sich personalisierte Therapien planen lassen – ein wichtiger Schritt auch im Hinblick auf die hohen Kosten moderner Medikamente.

Faktoren und Symptome

Neben biologischen und immunologischen Faktoren spielen auch Umweltbedingungen eine zentrale Rolle. Luftverschmutzung, Feinstaub, Ozonbelastung und Zigarettenrauch können das empfindliche Epithel schädigen und Entzündungen fördern. Der Klimawandel verstärkt diese Effekte zusätzlich, etwa durch verlängerte Pollensaisonen und eine erhöhte Allergenbelastung. Auch neue Umweltfaktoren wie Mikroplastik geraten zunehmend in den Fokus der Forschung, da kleinste Partikel in die Atemwege gelangen und dort möglicherweise gesundheitsschädliche Wirkungen entfalten.

Die Erkrankungen selbst sind dabei eindeutig multifaktoriell bedingt. Zwar wurden genetische Faktoren identifiziert, die das Risiko beeinflussen können, doch gibt es kein einzelnes „verantwortliches“ Gen. Vielmehr entsteht die Krankheitsanfälligkeit durch ein komplexes Zusammenspiel von genetischer Veranlagung, epigenetischen Veränderungen und Umweltfaktoren im Laufe des Lebens.

Ein besonders belastendes Symptom vieler Betroffener ist der Verlust des Geruchssinns. Dieser entsteht einerseits durch mechanische Faktoren wie die Verlegung der Atemwege durch Polypen, andererseits durch direkte Schädigungen der Nervenstrukturen infolge von Entzündungsprozessen. Dennoch besteht Hoffnung: Sowohl operative Eingriffe als auch moderne medikamentöse Therapien können den Geruchssinn häufig wiederherstellen, auch wenn dies mitunter Zeit benötigt.kann.

Ausblick

Langfristig verfolgt die Forschung ein übergeordnetes Ziel: weg von der reinen Behandlung von Symptomen hin zu präventiven Strategien, die die Gesundheit des Epithels erhalten und stärken. Dies könnte bedeuten, Entzündungen bereits im Entstehungsprozess zu verhindern und neue therapeutische Angriffspunkte zu erschließen. Allerdings erfordert dieser Ansatz weiterhin intensive Grundlagenforschung und Geduld, da die Übertragung neuer Erkenntnisse aus dem Labor in die klinische Praxis oft viele Jahre in Anspruch nimmt.


Weiterführende Informationen finden Sie unter folgenden Links:
https://www.lungenunion.at/c/atemwege-lunge/nasenpolypen/

Foto: Shutterstock

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