Zusammenfassung des Videos bzw. Podcasts mit Univ.-Prof. Dr. Florian Thalhammer, Med.-Univ. Wien. Eine Aufklärungs- und Informationsinitiative der Österreichischen Lungenunion
Einführung und die Geschichte der Antibiotika Der Sprecher, Univ.-Prof. Dr. Florian Thalhammer, ist an der Medizinischen Universität Wien (AKH Wien) mit den Schwerpunkten Infektiologie und Tropenmedizin tätig. Er organisiert die bekannte ärztliche Fortbildungsreihe „Giftiger Dienstag“ und spricht in diesem Beitrag für Laien über Antibiotika sowie die Entstehung von Resistenzen.
Das erste große Antibiotikum vor dem Penicillin waren die Sulfonamide. Penicillin, ein sogenanntes Beta-Laktam-Antibiotikum, wurde zunächst erfolgreich gegen Erreger wie Staphylokokken und Pneumokokken eingesetzt. Antibiotika wirken auf verschiedene Weise: Sie können die Zellmembran oder andere Zellstrukturen der Bakterien zerstören oder verhindern, dass sich diese vermehren.
Der Beginn der Resistenzentwicklung und MRSA Seit dem Einsatz von Antibiotika, der im Zweiten Weltkrieg für die Alliierten ein „Game-Changer“ bei der Behandlung von Wundinfektionen war, gibt es auch Resistenzentwicklungen. Bakterien lernen, sich gegen ihren „Todfeind“, das Antibiotikum, zu wehren. Schon wenige Jahre nach der Einführung wirkte das klassische Penicillin bei den ersten Stämmen nicht mehr, da Staphylococcus aureus gelernt hatte, sich dagegen zu wehren. Die Medizin reagierte mit der Entwicklung von Methicillin, doch auch hiergegen wurden die Bakterien resistent. So entstanden die sogenannten MRSA (Methicillin-resistente Staphylococcus-aureus-Stämme), gegen die normale Beta-Laktam-Antibiotika nicht mehr wirksam sind.
Die Gefahr durch gramnegative Bakterien Noch dramatischer als im grampositiven Bereich (zu dem Staphylokokken, Enterokokken und Streptokokken gehören) ist die Lage bei den gramnegativen Enterobakterien. Zu diesen zählen unter anderem Escherichia coli, Klebsiella pneumoniae und Pseudomonas aeruginosa. Sie verursachen häufig Harnwegsinfektionen, aber auch Lungenentzündungen, etwa bei Patienten mit schwerer COPD, Cystischer Fibrose (CF) oder Lungentransplantierten. Auch Haemophilus influenzae gehört zu den relevanten Erregern im Respirationstrakt. Zur Behandlung dieser gramnegativen Bakterien stehen verschiedene Substanzklassen zur Verfügung, darunter Cephalosporine, Piperacillin/Tazobactam, Meropenem sowie neuere Beta-Laktam/Beta-Laktamase-Inhibitoren (z. B. Avibactam). Ein sehr innovatives Medikament ist Cefiderocol, das dem Bakterium vorgaukelt, es sei dreiwertiges Eisen. Ähnlich wie das Trojanische Pferd dringt es so unerkannt in das Bakterium ein und tötet es ab. Leider kommt es bei gramnegativen Enterobakterien teilweise extrem rasch zu neuen Resistenzen.
Ursachen für die globale Zunahme von Resistenzen Wichtig zu verstehen ist: Eine Resistenz bedeutet nicht, dass ein Bakterium bösartiger oder virulenter ist. Es bedeutet lediglich, dass für die Therapie weniger oder gar keine wirksamen Antibiotika mehr zur Verfügung stehen. Die rasche Zunahme von Resistenzen hat verschiedene Gründe:
- Falscher und übermäßiger Einsatz: Antibiotika wirken nicht gegen Viren (z. B. Erkältungsviren, RSV, Influenza oder SARS-CoV-2). Werden sie bei Virusinfekten trotzdem eingenommen, fördert dies lediglich Resistenzen.
- Falsche Dosierung: Bei bakteriellen Infektionen gilt das Prinzip „hit hard and early“ (fest und zielgerichtet behandeln). Eine zu niedrige oder inkonsequente Gabe „kratzt“ das Bakterium nur an und es wird resistent.
- Tiermast: In der Vergangenheit wurden Antibiotika, die auch in der Humanmedizin verwendet werden, als Wachstumsförderer für Tiere eingesetzt, was Resistenzen massiv förderte.
- Reisetätigkeit: Touristen können multiresistente gramnegative Enterobakterien aus dem Urlaub (z.B. aus Indien) mitbringen, selbst wenn sie dort gar nicht in einem Krankenhaus waren. Bei einer Untersuchung von asymptomatischen Asien-Rückkehrern war rund ein Drittel mit diesen Erregern besiedelt.
- Kriegsgebiete: In Konfliktzonen wie dem Irak oder aktuell der Ukraine breiten sich multiresistente Erreger wie Acinetobacter baumannii stark aus. Für solche schwersten Infektionen werden oft hochspezifische neue Antibiotika (z. B. die Kombination Sulbactam/Durlobactam) benötigt.
Antimicrobial Stewardship (ABS) und mikrobiologische Diagnostik Um der Resistenzkrise entgegenzuwirken, braucht es fähig Mikrobiologen, gute Infektiologen und moderne molekularbiologische Methoden, um Erreger und deren Resistenzmechanismen schnell zu identifizieren. Konzepte wie das Antimicrobial Stewardship (ABS) sorgen dafür, dass Antibiotika sowohl im niedergelassenen Bereich als auch in Krankenhäusern gezielter und seltener eingesetzt werden. Auch eine genaue Anamnese, insbesondere eine Reiseanamnese, ist unerlässlich. Die europäischen Resistenzkarten (EARS-Net) zeigen, dass Österreich wie in der Mitte eines „roten Halbmonds“ liegt – die Resistenzproblematik beginnt oft schon in Italien und zieht sich über den Balkan bis in die Ukraine.
Prävention – Hygiene, Masken, Impfungen und Immunsystem Vorbeugung ist der beste Schutz gegen Infektionen, für die man sonst Antibiotika benötigen würde.
- Hygiene: Regelmäßiges Händewaschen (15 bis 30 Sekunden) und die konsequente Händedesinfektion im Krankenhaus nach den „fünf Momenten der Händehygiene“ sind essenziell.
- Masken: FFP2-Masken bieten einen exzellenten Schutz, verhindern jedoch auch die sogenannte „stille Feiung“, bei der das Immunsystem durch ständigen leichten Kontakt mit Alltagsviren trainiert wird.
- Impfungen: Impfungen sind entscheidend. Es gibt Impfstoffe gegen bakterielle Erreger wie Pneumokokken (z. B. der neue 21-valente Impfstoff), Meningokokken (Serogruppen B und C), Keuchhusten (Pertussis), Diphtherie und Tetanus, sowie gegen Viren wie Influenza, Masern, Mumps und Röteln.
- Lebensstil: Eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Schlaf, regelmäßige Bewegung an der frischen Luft, Kontakte achtsam pflegen und Präparate zur Immunstimulation (wie Uro-Vaxom zur Prophylaxe von Atemwegsinfekten) stärken die Abwehrkräfte.
Richtige Anwendung von Antibiotika und wichtige Wechselwirkungen Ein Antibiotikum entfaltet seine Wirkung nicht sofort, sondern braucht etwa drei Tage, bis man eine klinische Besserung spürt. Die Entzündungswerte im Labor können anfangs sogar noch leicht steigen, ständige Medikamentenwechsel in den ersten Tagen sind daher meist sinnlos. Die Einnahmedauer variiert stark: Ein Medikament wie Azithromycin hat eine sehr lange Halbwertszeit und muss oft nur drei Tage eingenommen werden, während andere Präparate deutlich länger geschluckt werden müssen. Besonders wichtig ist die Beachtung von Wechselwirkungen:
- Medikamenteninteraktionen: Makrolid-Antibiotika (wie Clarithromycin) können in Kombination mit Statinen (Cholesterinsenkern) schwere Nebenwirkungen verursachen, etwa eine Rhabdomyolyse (Muskelzerfall). Der Arzt muss daher zwingend über alle eingenommenen Medikamente informiert werden.
- Nahrungsinteraktionen: Bei Antibiotika wie Doxycyclin und Chinolonen ist strikt darauf zu achten, dass 90 Minuten vor und nach der Einnahme keine Milchprodukte (Joghurt, Käse, Milch) verzehrt werden. Das in den Milchprodukten enthaltene Kalzium bindet das Antibiotikum im Magen-Darm-Trakt, wodurch es völlig unverdaut und wirkungslos wieder ausgeschieden wird.
Wir bedanken uns bei Univ.-Prof. Dr. Florian Thalhammer für das Interview und bei den Sponsoren OM (Hauptsponsor) und Shionogi (Zweit-Sponsor) für die finanzielle Unterstützung dieser Informationsinitiative Den Info-Folder zum Interview können Sie unter diesem Link /QR-Code downloaden oder direkt bei uns anfordern office@lungenunion.at














