Interview mit Dr. Stefan Kaltenegger, Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie, Rehabilitationszentrum Raxblick, Reichenau an der Rax.

Vortrag Pneumologische Rehabilitation von Dr. Stefan Kaltenegger
Vorstellung
Dr. Stefan Kaltenegger ist Facharzt für Innere Medizin und Pneumologie. Seit 2017 ist er im OptimaMed Rehabilitationszentrum Raxblick in Reichenau an der Rax tätig, wo er die pneumologische Abteilung leitet.
In dieser Funktion betreut er 50 Rehabilitationsbetten im Bereich der Lungenheilkunde. Zusätzlich verfügt das Haus über eine große orthopädische Abteilung mit 100 Betten, wodurch auch Begleiterkrankungen des Bewegungsapparates umfassend mitbehandelt werden können.
Sein fachlicher Schwerpunkt liegt auf der Rehabilitation von Patientinnen und Patienten mit chronischen Lungenerkrankungen wie COPD, Asthma und Lungenfibrose sowie auf der Betreuung nach akuten Lungenerkrankungen. Ein weiterer Fokus seiner Arbeit ist die Behandlung von Menschen mit postviralen Erkrankungen, insbesondere im Zusammenhang mit Post-Covid.
Was ist pneumologische Rehabilitation?
Frage: Was versteht man unter pneumologischer Rehabilitation?
Antwort:
Die pneumologische Rehabilitation ist eine wissenschaftlich gut belegte, aktive Therapieform. Sie unterscheidet sich deutlich von einer klassischen Kur, die ursprünglich vorrangig der Erholung diente.
Im Mittelpunkt steht heute die aktive Mitarbeit der Patientinnen und Patienten. Studien zeigen eindeutig, dass Lungenpatient:innen deutlich mehr von gezieltem Training profitieren als von reiner Schonung.
Bestandteile der Rehabilitation sind:
- Ausdauertraining (z. B. Ergometer, Laufband, Nordic Walking)
- Krafttraining zum Muskelaufbau
- Atemphysiotherapie (z. B. entblähende Maßnahmen, Schleimmobilisation, Mobilisation des Brustkorbes)
- Haltungsschulung und Wirbelsäulenmobilisation
- Psychologische Betreuung
- Ergotherapie
- Schulungen zum Umgang mit der Erkrankung
- Passive Therapien zur Lockerung der Atemhilfsmuskulatur (z. B. Wärmetherapien, Stromtherapien, Massagen)
Ziel ist es, körperliche Leistungsfähigkeit, Atemtechnik, Selbstmanagement und Lebensqualität nachhaltig zu verbessern.
Für wen ist eine pneumologische Rehabilitation geeignet?
Frage: Für welche Patientinnen und Patienten ist sie besonders sinnvoll?
Antwort:
Grundsätzlich profitieren davon alle Menschen mit Lungenerkrankungen, die unter Atemnot, eingeschränkter Belastbarkeit oder Unsicherheit im Alltag leiden.
Dazu gehören insbesondere:
- Menschen mit COPD
- Asthmapatientinnen und -patienten
- Patientinnen und Patienten mit Lungenfibrose
- Personen nach Lungenentzündung oder Lungenembolie
- Patientinnen und Patienten nach schweren Virusinfektionen
Auch schwer erkrankte Menschen im fortgeschrittenen Stadium – etwa mit Langzeitsauerstofftherapie oder eingeschränkter Mobilität (Rollator, Gehhilfe) – können teilnehmen. Die Therapie wird individuell angepasst. Niemand muss „fit“ sein, um eine Rehabilitation zu beginnen.
Wie erfolgt die Antragstellung?
Frage: Wie kommt man zu einer pneumologischen Rehabilitation?
Antwort:
Der Antrag wird in der Regel von Lungenfachärzt:innen oder Hausärzt:innen gestellt. Nach einem Krankenhausaufenthalt kann auch direkt eine Anschlussheilbehandlung beantragt werden.
Entscheidend ist ausschließlich die medizinische Notwendigkeit. Es gibt kein starres Limit, wie oft eine Rehabilitation möglich ist. Manche Patientinnen und Patienten kommen einmalig, andere – etwa mit fortgeschrittener COPD – auch regelmäßig, etwa jährlich oder alle zwei bis drei Jahre.
Ablauf einer stationären Rehabilitation
Frage: Was erwartet die Patientinnen und Patienten konkret?
Antwort:
Die stationäre Rehabilitation dauert üblicherweise drei Wochen, eine Verlängerung um eine Woche ist bei gutem Therapieverlauf häufig möglich.
Zu Beginn erfolgen umfassende Untersuchungen:
- Lungenfunktion
- Belastungstest (Ergometrie)
- ärztliche Untersuchung
- Laboruntersuchungen
Darauf basierend wird ein individueller Therapieplan erstellt.
Das Therapieprogramm umfasst:
- Ausdauer- und Krafttraining
- Atemphysiotherapie (z. B. Lippenbremse, PEP-Geräte, entblähende Techniken)
- Psychologische Gespräche (mindestens ein Termin ist Standard)
- Entspannungsverfahren (autogenes Training, progressive Muskelentspannung)
- Ergotherapie
- Passive Therapien (Massagen, Stromtherapie, Wärmetherapie)
- Schulungen zur Krankheitsbewältigung und Infektvermeidung
Bei Bedarf werden Sauerstofftherapie oder nächtliche Beatmung neu eingestellt. Auch Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Stoffwechselprobleme werden optimiert. Ursachensuche ist wichtig, da manche Grunderkrankungen gezielt behandelbar sind, was für die betroffenen Personen prognostisch wichtig ist.
Individuelle Anpassung
Frage: Erhält jeder Patient ein individuelles Konzept?
Antwort:
Ja. Das Spektrum reicht von jungen, sportlichen Asthmatikern bis zu hochbetagten, multimorbiden Patientinnen und Patienten. Das Training wird exakt an Leistungsfähigkeit und Krankheitsstadium angepasst. Wichtig ist nur, dass die Teilnahme grundsätzlich möglich ist. Niemand wird überfordert.
Aktive oder passive Therapie?
Frage: Müssen Patientinnen und Patienten aktiv mitarbeiten?
Antwort:
Die pneumologische Rehabilitation ist überwiegend eine aktive Therapie. Kraft- und Ausdauertraining stehen im Zentrum.
Massagen, Wärmebehandlungen oder Elektrotherapie unterstützen den Prozess, ersetzen jedoch nicht das Training. Studien zeigen eindeutig, dass regelmäßige körperliche Aktivität die Atemnot reduziert und die Belastbarkeit steigert.
Umgang mit Atemnot und Angst
Frage: Viele Betroffene haben Angst vor Atemnot bei Belastung. Wie gehen Sie damit um?
Antwort:
Atemnot entsteht eher selten durch Sauerstoffmangel. Häufigere Ursachen sind:
- Überblähung der Lunge (vor allem bei Lungenemphysem)
- Einschränkungen bei der Atemmechanik
- muskuläre Schwäche
- Angst und Anspannung
- Herz-Kreislauf-Probleme
In der Rehabilitation lernen die Patientinnen und Patienten Techniken wie die Lippenbremse und den Einsatz von PEP-Geräten. Diese helfen, die „eingeschlossene“ Luft besser auszuatmen und Kontrolle zurückzugewinnen.
Falls Sauerstoffmangel vorliegt, wird selbstverständlich mit Sauerstoff therapiert.
Ziel ist es, Sicherheit im Umgang mit Atemnot zu vermitteln, damit Training wieder möglich wird.
Soziale Aspekte
Frage: Welche Rolle spielt das soziale Leben?
Antwort:
Chronische Lungenerkrankungen führen häufig zu sozialem Rückzug. Besonders Sauerstoffpatient:innen fühlen sich manchmal stigmatisiert.
Die Rehabilitation bietet einen geschützten Rahmen. Der Austausch mit anderen Betroffenen wirkt entlastend und motivierend.
Im Raxblick gibt es zusätzlich gemeinsames Singen – mit positiven Effekten auf Atmung, Atemmuskulatur, Stimmung und soziale Integration.
Besonderheiten des Standorts
Frage: Was zeichnet das Rehabilitationszentrum Raxblick besonders aus?
Antwort:
Neben der umfassenden pneumologischen/internistischen Betreuung profitieren Patient:innen an unserem Haus insbesondere von der Zusammenarbeit mit unserer orthopädischen Abteilung. So sind Lungenpatientinnen und Lungenpatienten mit Schmerzen im Bewegungsapparat besonders gut bei uns aufgehoben.
Die abgelegene Lage in der Rax-Schneeberg-Region bietet neben der sehr guten Luftqualität die Möglichkeit zum Entspannen, sodass sich die Patient:innen ohne größere Ablenkungen auf ihre Gesundheit konzentrieren können.
Besonders wichtig ist mir, dass Patientinnen und Patienten wieder Vertrauen in ihren Körper gewinnen und erkennen, dass sie selbst aktiv zur Verbesserung ihrer Lebensqualität beitragen können.
Stationär vs. ambulant
Frage: Was ist der Unterschied zwischen stationärer und ambulanter Rehabilitation?
Antwort:
Stationär (3–4 Wochen):
- intensive Betreuung
- geeignet für schwer Erkrankte
- keine tägliche Anreise
- Abstand vom Alltag
- optimale Einstellung von Sauerstoff oder Beatmung
Ambulant (6 Wochen):
- wohnortnah
- berufsbegleitend möglich
- geeignet für jüngere, stabilere Patientinnen und Patienten
Stationäre und ambulante Rehabilitation ergänzen sich auf ideale Weise. Beide Rehabilitationsformen haben ihre klare Berechtigung und leisten einen wichtigen Beitrag zur Genesung der Patientinnen und Patienten. Entscheidend ist, dass beide nachweislich wirksam sind und je nach Bedarf die passende Unterstützung bieten.
Nach Abschluss kann eine sogenannte Phase-3-Rehabilitation folgen, um Trainingserfolge langfristig zu sichern.
Pneumologische vs. onko-pneumologische Rehabilitation
Frage: Gibt es Unterschiede bei Lungenkrebspatient:innen?
Antwort:
Während einer aktiven Krebserkrankung (z. B. laufende Chemotherapie oder Bestrahlung) ist eine Rehabilitation in der Regel kontraindiziert.
Nach Operation oder abgeschlossener Therapie ist eine Rehabilitation jedoch sinnvoll und möglich. In frühen Stadien, bei denen die Erkrankung operativ vollständig entfernt wurde, erfolgt die Betreuung im Rahmen der pneumologischen Rehabilitation.
Patientinnen und Patienten mit komplexeren onkologischen Verläufen werden häufig zunächst in spezialisierten onkologischen Rehabilitationszentren betreut.
Schlussgedanke
Die pneumologische Rehabilitation ist eine evidenzbasierte, aktive Therapieform für alle Stadien chronischer und akuter Lungenerkrankungen.
Sie verbessert nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit, sondern stärkt auch Selbstvertrauen, Krankheitskompetenz und Lebensqualität – selbst bei fortgeschrittener Erkrankung.
Die Österreichische Lungenunion bedankt sich bei Dr. Kaltenegger für das Interview und bei der OptimaMed Rehabilitationszentrum Raxblick GmbH für die Unterstützung dieser ÖLU-Informations-Initiative. Weitere Informationen finden Sie unter: www.reha-raxblick.at














