Auszüge aus Vorträgen zu CRSwNP von Priv.-Doz. DDr. Sven Schneider, Ap.Prof. Julia Eckl-Dorna, MD, PhD, Dr.in Tina Bartosik, Dr. Nicolas Campion
Definition und Häufigkeit der chronischen Rhinosinusitis mit Nasenpolypen (CRSwNP)
Eine chronische Rhinosinusitis (CRS) ist eine Entzündung der Nase und der Nasennebenhöhlen, die mindestens 12 Wochen anhält. Für die Diagnose müssen zwei Hauptsymptome vorliegen: verstopfte Nase und Sekretbildung (vorne oder hinten in der Nase). Zusätzlich können Gesichtsschmerzen oder Druckgefühl sowie eine verminderte Riechfähigkeit auftreten. Bei der speziellen Form mit Nasenpolypen (CRSwNP) findet der HNO-Arzt bei der Untersuchung Polypen in der Nase, Sekret oder Schwellungen im mittleren Nasengang. Eine Computertomographie (CT) der Nasennebenhöhlen wird zur Bestätigung der Entzündung benötigt.
In Nordamerika und Europa leiden etwa 11–13 % der Menschen an chronischen Nebenhöhlenentzündungen. Nasenpolypen kommen bei etwa 1–4 % der Bevölkerung vor. In Österreich sind ungefähr 2 % der Menschen von Nasenpolypen betroffen. Interessanterweise haben etwa zwei Drittel aller Patient:innen mit Nasenpolypen auch Asthma. Umgekehrt haben etwa 20 % der Asthma-Patient:innen auch Nasenpolypen. Dies deutet darauf hin, dass möglicherweise die gesamten Atemwege betroffen sein können.
Entstehung der CRSwNP
Bei der CRSwNP beginnt alles mit einer Schädigung der Nasenschleimhaut. Bei gesunden Menschen sind die Verbindungen zwischen den Schleimhautzellen sehr dicht. Bei Patient:innen mit Polypen sind diese Verbindungen gelockert, wodurch Fremdstoffe leichter eindringen können, und eine Entzündung entsteht. Die geschädigte Schleimhaut setzt Botenstoffe (Interleukine) frei, die eine Immunreaktion auslösen. Wichtige Botenstoffe sind Interleukin-4 (IL-4) und Interleukin-13 (IL-13), die nachweislich die dichten Verbindungen der Schleimhaut auflösen können.
Ein weiterer wichtiger Faktor sind bestimmte Immunzellen, die sogenannten Eosinophilen, die in die Nase einwandern und zur Entzündung beitragen. Bei der CRSwNP ist auch das Flimmerepithel gestört; viele der feinen Härchen, die normalerweise Bakterien und Fremdstoffe aus der Nase transportieren, sind zurückgebildet. Zudem wird vermehrt Schleim produziert, was die Funktion der Nasenschleimhaut weiter beeinträchtigt.
Es gibt verschiedene Formen der Nebenhöhlenentzündung mit unterschiedlichen Entzündungsprozessen. Bei der Form mit Polypen werden spezifische Entzündungsbotenstoffe vermehrt ausgeschüttet, die zur Bildung der Polypen führen. Daher gibt es Patient:innen mit starken Nasenproblemen ohne Polypen, denen neuartige Medikamente (Biologika) möglicherweise nicht helfen, während sie bei Patient:innen mit entsprechenden Entzündungsbotenstoffen sehr wirksam sein können. Die Untersuchung von Blut (z. B. IgE, Eosinophile) und Gewebeproben sowie das Vorliegen von Asthma und Allergien helfen, die passende Therapie zu bestimmen.
Symptome der CRSwNP
Die Hauptsymptome der CRSwNP sind verstopfte Nase und Sekretbildung. Betroffene atmen oft durch den Mund, schnarchen nachts und haben Schwierigkeiten, durch die Nase zu atmen. Ein weiteres wichtiges Symptom ist die verminderte Riechfähigkeit bis zum vollständigen Verlust des Geruchssinns. Der Verlust des Geruchssinns beeinträchtigt auch den Geschmackssinn. Viele Patient:innen leiden am meisten unter der Riechstörung, gefolgt von der verstopften Nase. Die Erkrankung kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen und zu Schlafstörungen und Depressionen führen. Mit Fragebögen wie dem SNOT-22 kann der Arzt die Auswirkungen auf die Lebensqualität erfassen.
Eine besondere Form ist die sogenannte NSAR-verschlimmerte Atemwegserkrankung (NERD), auch bekannt als Morbus Widal oder Samter-Trias. Diese ist durch eine Unverträglichkeit gegenüber Schmerzmitteln wie Aspirin und Ibuprofen gekennzeichnet und tritt zusammen mit CRSwNP und Asthma auf. Die Einnahme dieser Schmerzmittel führt bei diesen Patient:innen typischerweise zu allergieähnlichen Symptomen wie verstopfter oder laufender Nase, Husten und Atemnot bis zu schweren allergischen Reaktionen.
Es ist wichtig, zu unterscheiden zwischen echten Nasenpolypen, die aus dem Nasendach wachsen und oft heller und durchsichtiger sind, und vergrößerten Rachenmandeln (Adenoiden) bei Kindern, die im Übergang von der Nase zum Rachen liegen und im Volksmund ebenfalls als „Polypen“ bezeichnet werden. Adenoide verursachen bei Kindern meist Probleme durch behinderte Nasenatmung und Schnarchen.
Diagnose der CRSwNP
Neben dem Gespräch mit dem Arzt und der klinischen Untersuchung der Nase mit speziellen Instrumenten und Endoskopen (starren und flexiblen Sichtgeräten) ist die Computertomographie (CT) der Nasennebenhöhlen die beste Bildgebungsmethode zur Beurteilung des Ausmaßes der Erkrankung. Im CT zeigen sich bei CRSwNP Verschattungen in den Nebenhöhlen durch verdickte Schleimhaut und Sekretansammlungen.
Behandlung der CRSwNP
Die Ziele der Behandlung sind:
- Verringerung der Entzündung
- Verkleinerung oder Entfernung der Polypen
- Verbesserung der Nasenatmung und des Geruchssinns
- Verhinderung des Wiederauftretens von Polypen
- Verbesserung der Lebensqualität
Eine vollständige Heilung ist derzeit nicht möglich, die Symptome können in den meisten Fällen jedoch gut kontrolliert werden. Die Behandlung ist in der Regel lebenslang notwendig.
Selbsthilfemaßnahmen:
- Vermeidung bekannter Allergieauslöser und Reizstoffe
- Rauchverzicht, da Rauchen die Symptome verschlimmern kann
- Behandlung von Begleiterkrankungen wie Allergien und Asthma
- Befeuchtung der Raumluft, um die Nasenschleimhaut zu beruhigen
- Konsequente Durchführung der ärztlich verordneten Therapie
Medikamentöse Therapie:
- Kortisonhaltige Nasensprays sind die erste Behandlungsoption und spielen eine sehr wichtige Rolle, auch nach Operationen. Sie sind sehr sicher und können dauerhaft angewendet werden, da sie nur lokal wirken und kaum Nebenwirkungen im ganzen Körper verursachen. Beispiele sind Mometason und Fluticason.
- Kortison-Tabletten können bei sehr starken Beschwerden kurzfristig eingesetzt werden, sollten aber wegen möglicher Nebenwirkungen nicht langfristig eingenommen werden. Kortison in Tablettenform wirkt im ganzen Körper und kann Nebenwirkungen wie Knochenschwund und Gewichtszunahme verursachen.
- Nasenspülungen mit Kochsalzlösung sind eine essenzielle Behandlungsmethode, besonders nach Operationen, um die Nase zu reinigen und Reizstoffe zu entfernen. Auch Kinder können sie gut durchführen. Nach größeren Operationen können auch kortisonhaltige Medikamente zu den Spülungen hinzugefügt werden.
Operative Therapie:
- Die funktionelle endoskopische Nasennebenhöhlenoperation (FESS) ist wichtig, besonders wenn Medikamente nicht ausreichend wirken. Dabei werden die Polypen entfernt und die Zugänge zu den Nasennebenhöhlen erweitert, um den Abfluss von Sekret und die Anwendung von Medikamenten zu verbessern. Viele Patient:innen sind nach der Operation für mehrere Jahre beschwerdefrei, besonders wenn sie regelmäßig spülen und Nasensprays anwenden. Die Operation erfolgt durch die Nase, ohne äußere Narben. Sie verbessert den Zugang für Medikamente; die dauerhafte Behandlung mit Medikamenten bleibt wichtig, um die Entzündung zu kontrollieren und das Wiederauftreten der Polypen zu verhindern. Eine gute Nachsorge mit regelmäßigen Spülungen und Kontrollterminen ist essenziell.
Neue zielgerichtete Therapien (Biologika):
- Es gibt mittlerweile drei zugelassene Biologika für die Behandlung der CRSwNP. Diese sind zielgerichtete Therapien gegen bestimmte Entzündungsbotenstoffe.
- Mepolizumab (Nucala) wirkt gegen Interleukin-5 (IL-5).
- Dupilumab (Dupixent) wirkt gegen Interleukin-4 (IL-4) und Interleukin-13 (IL-13). Zu diesem Medikament gibt es die meisten Erfahrungen.
- Omalizumab (Xolair) wirkt gegen Immunglobulin E (IgE) und kann eine Option sein bei hohem IgE-Wert, bei Kinderwunsch oder Stillzeit sowie bei allergisch ausgelöstem Asthma.
- Diese Biologika haben in Studien und in der Praxis eine sehr gute und schnelle Wirksamkeit gezeigt, oft mit einer deutlichen Verkleinerung der Polypen und einer Verbesserung der Symptome bereits nach der ersten Anwendung.
- Sie werden vornehmlich bei Patient:innen mit schwerem Verlauf eingesetzt, die bereits mehrfach operiert wurden oder bei denen andere Therapien nicht ausreichend wirken.
- Ein Problem ist der hohe Preis dieser Medikamente, wobei in Österreich mittlerweile ein guter Zugang gegeben ist.
- Biologika haben auch positive Wirkungen auf Begleiterkrankungen wie Asthma, Speiseröhrenentzündungen, Schuppenflechte und Neurodermitis.
- Die häufigsten Nebenwirkungen sind meist mild, wie Bindehautentzündungen, Reaktionen an der Einstichstelle, Gelenkschmerzen und Müdigkeit.
- Die Auswahl des richtigen Biologikums erfolgt individuell in Absprache mit dem behandelnden Arzt, basierend auf den vorherrschenden Symptomen und bestimmten Blutwerten.
Wichtige Hinweise:
- Bei kortisonhaltigen Nasensprays und Augenerkrankungen gehen die Meinungen auseinander. Während Kortison-Tabletten nachweislich Grauen Star fördern können, gibt es für kortisonhaltige Nasensprays keine eindeutigen Gegenanzeigen, obwohl Augenärzte manchmal Bedenken äußern.
- Bei Kindern mit Nasenproblemen muss genau zwischen vergrößerten Rachenmandeln und echten Nasenpolypen unterschieden werden, da es sich um unterschiedliche Erkrankungen handelt. Echte Nasenpolypen sind bei sehr jungen Kindern selten.
- Erhöhte Eosinophile (bestimmte weiße Blutkörperchen) im Blut sind bei Nasenpolypen an sich kein Grund zur Sorge. Sehr hohe Werte über mehrere Monate in Verbindung mit anderen Beschwerden (Niere, Herz, Nerven) können auf eine andere Erkrankung hindeuten und sollten weiter abgeklärt werden.
- Die eosinophile Granulomatose mit Polyangiitis (EGPA) ist eine Gefäßentzündung und Autoimmunerkrankung, die sich von der CRSwNP unterscheidet und den ganzen Körper betreffen kann. Die Diagnose kann schwierig sein. Warnsymptome können Blut im Auswurf, Abgeschlagenheit, Gelenkschmerzen, Hautveränderungen oder Nierenprobleme sein, die eine umfassende Abklärung erfordern.
Die Forschung in diesem Bereich macht stetig Fortschritte, mit dem Ziel, die Entstehung der Erkrankung besser zu verstehen und individuell angepasste Behandlungen zu entwickeln. Trotz der Fortschritte bleibt die CRSwNP für viele Patient:innen eine chronische Erkrankung, die eine langfristige und individuelle Betreuung erfordert.
Besonderer Dank gilt dem Airway Lab Vienna für die Unterstützung dieses Awareness-Projekts zu CRSwNP.
Des Weiteren danken wir unseren Sponsoren Sanofi und GSK für die finanzielle Unterstützung dieses Projekts.
Weitere Links zu Beiträgen über dieses Thema:
https://www.viairlab.com/ger/startseite
https://www.lungenunion.at/asthma-und-chronische-rhinosinusitis-mit-nasenpolypen/
https://www.lungenunion.at/umfrage-nasenpolypen/
https://www.lungenunion.at/eosinophile-erkrankungen/
