Menschen, die an Neurodermitis (atopisches Ekzem, atopische Dermatitis) leiden, haben eine erhöhte Anfälligkeit für allergisches Asthma oder eine spezifische Allergie. Denn diese drei atopischen allergischen Erkrankungen – die sogenannte „atopische Trias“ – haben eines gemein: Die Auslöser sind genetische Veranlagungen und schädliche Umweltfaktoren.

Unter einer Atopie versteht man eine genetisch determinierte Bereitschaft, auf aerogenen (Atemwege), gastro­intestinalen (Magen-Darm-Trakt) oder kutanen (Haut) Kontakt mit natürlichen oder künstlichen Umweltstoffen mit gesteigerter IgE-Bildung zu rea­gieren. Man baut dann leichter eine allergische bzw. immunologische Reaktion vom Sofort­typ (Typ-I-Allergie) auf. Menschen mit einer Neurodermitis bekommen daher auch häufiger eine Allergie oder allergisches Asthma. Ursache für die Symptome ist ein Defekt in der äußersten Hautschicht, der familiär vererbbar ist. Denn bestimmte Gene können eine durchlässigere Haut- und Schleimbarriere bewirken. Die Diagnose einer Neurodermtis erfolgt meist beim Dermatologen bzw. beim Kinderarzt.

Neurodermitis & Co

Die erste Krankheit der „atopischen Trias“ im Leben ist die Neurodermitis. Diese kann schon im Babyalter auftreten, jedoch auch wieder vergehen. „Bei 20 Prozent hält sich die Neurodermitis bis ins Erwachsenenalter und erschwert den Menschen das Leben“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Erika Jensen-Jarolim, Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung, MedUni Wien, am Tag der Lungengesundheit „Mehr Luft auf Leben“ im Wiener Rathaus.

„Nicht nur, dass die Erkrankung unangenehm ist. Betroffene haben ein erhöhtes Infektionsrisiko der Haut.“ Bedingt ist dies durch Juckreiz und Kratzen, sowie durch oft nachfolgende Antibiotikatherapien, die sich wiederum auf das Mikrobiom, also auf die Flora, die sich auf der Haut befindet, auswirken. Patienten stehen unter einem sehr großen Leidensdruck. Nicht zuletzt auch deswegen, weil atopische Ekzeme nicht schön aussehen und Betroffene deswegen auch sozial beeinträchtigt sind.

Bei Kindern sollten zusätzlich die Allergene beachtet werden. Denn Neurodermitis-Kinder haben ein hohes Risiko, an Allergien zu erkranken. Dies kann schon früh mit hochmodernen Bluttests herausgefunden werden. „Wir können jetzt auch 300 Allergene auf einmal testen und damit ein großes Spektrum an Möglichkeiten abdecken. Dadurch kann man dann auch spezifisch helfen, etwa mit einer Allergen-Immuntherapie“, so die Expertin.

Umwelt & Lebensstil

Neben den genetischen Faktoren spielen noch Umweltfaktoren, die diesen Hautbarrieredefekt steigern können, eine große Rolle. Bestes Beispiel ist der Unterschied zwischen Stadt und Land. Denn Stadtmenschen, die bereits an einer Neurodermitis leiden, sind einem höheren Risiko ausgesetzt, zusätzlich eine Allergie oder allergisches Asthma zu entwickeln. „Bei Stadtmenschen besteht eine Wahrscheinlichkeit von 33 Prozent für eine atopische Sensibilisierung gegen Allergene“, so Prof. Jensen-Jarolim. „Ein Schutzfaktor ist, auf einem Bauernhof mit Kühen zu leben. Hier besteht nur ein zwölfprozentiges Risiko“, verdeutlicht die Expertin.

Die vier Stufen der Therapie

Die Neurodermitis wird basierend auf einem Scoring-System (Rötung/Entzündung/Krusten/Kratzarte­fakte/Hautverdickung/Trockenheit/ betroffene Hautfläche/subjektive Symptome) in vier Stufen eingeteilt. Dem Schweregrad entsprechend ist auch die Therapie angesetzt. Bei den leichten Stufen kann man vor allem mit Hautpflege arbeiten. Intensive Pflege und Salben unterstützen die Hautbarriere. „Eltern sollten ihre Kinder nicht mit Badeschaum baden“, erklärt Prof. Jensen-Jarolim.
Ab Stufe 2 werden Kortisoncremen auf die Haut aufgetragen, um die Entzündungen in den Griff zu bekommen. „Ab einem Grad 3 kann man auch mit UV-Behandlungen viel bewirken. Angeraten sind daher Aufenthalte am Meer, Salzbäder und natürliche UV-Bestrahlung, auch um genügend gutes Vitamin D zu bilden“, weist Prof. Jensen-Jarolim hin.

Neue Antikörpertherapie

Bei der höchsten Stufe 4 haben Patienten starke Ekzeme an großen Körperflächen. Für sie gibt es aber jetzt neue Antiköpertherapien, die sich in den letzten Jahren als sehr gewinnbringend erwiesen haben. „Von dieser sogenannten Biologika-Therapie bin ich als Immunologin sehr begeistert, weil sie genau in die immunologischen Schaltkreise der atopischen Entzündung eingreifen“, freut sich Prof. Jensen-Jarolim. „Manche Biologika können beinahe zu einer kompletten Heilung führen. Bei Erwachsenen und Jugendlichen ab zwölf gibt es bereits eine solide Studienlage. Bei kleineren Kindern fehlen konkrete Studien derzeit noch, da muss man noch abwarten. Aber die Biologika-Therapie gibt wieder Hoffnung auf ein normales Leben ohne Juckreiz und gesellschaftliche Ausgrenzung.“

Leben mit Neurodermitis

Eine Neurodermitis erfordert sehr viel Hinwendung. Betroffene müssen stets achtsam und darauf konzentriert sein, ihre Haut zu pflegen und zu schützen. Ein wichtiger Einfluss ist auch die psychische Komponente, weil auch Stress atopische Ausbrüche bewirken kann. Aber auch große hormonelle Veränderungen, wie z.B. während einer Schwangerschaft, können ausschlaggebend sein. „Auch wenn wir in Städten wohnen und beruflich ziemlich belastet sind, sollten wir versuchen, stressfreier zu leben und alles mit etwas mehr Ruhe anzugehen“, rät Prof. Jensen-Jarolim

Quelle: Tag der Lungengesundheit, „Mehr Luft auf Leben“, im Wiener Rathaus, 8. März 2020