Experten im Talk: Allergien bei Kindern

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Der Wiener Kinderfacharzt MR Dr. Rudolf Schmitzberger spricht über Allergien bei Kindern. Er erklärt, wie sich diese frühzeitig erkennen lassen, welche Risiken gegeben sind und welche die beste Behandlung für Kinder darstellt.

Welche Allergien können schon im Kindesalter auftreten?

Im Kindesalter gibt es eine Reihe von allergischen Erkrankungen. Wir müssen annehmen, dass fast 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen irgendwann mit Allergieproblemen konfrontiert sind. Je nach Alter ist es unterschiedlich: Im Kleinkindesalter überwiegen die Allergien gegenüber Nahrungsmittel – hier überwiegt Kuhmilch, Hühnereiweiß und Weizen, aber im zunehmenden Maße auch gegen Erdnuss. Dann folgen die sogenannten inhalativen Allergien.

Was ist eine Kreuzallergie?

Eine Kreuzallergie bedeutet, dass der Körper auf verwandte Inhaltsstoffe reagiert. Ein gutes Beispiel dafür ist, wenn Birkenpollenallergiker auch auf die verwandte Substanz reagieren, wenn sie einen Apfel essen. Das nennt man eine Kreuzreaktion. Das kann völlig harmlos sein und ist in der Regel gut beherrschbar. Es kann aber auch zu Problemen führen, wenn es wirklich eine relevante, wir sprechen da auch von einer „genuinen“ Allergie ist, wie z.B. bei einer Erdnussallergie. Hier kann es wirklich zu lebensbedrohlichen Situationen kommen. Hier müssen Eltern, Kinder und Umgebung geschult werden. In diesem Fall bedarf es auch einer entsprechenden Notfallapotheke mit einer Adrenalinspritze, die gegebenenfalls von den betreuenden Personen oder auch vom Kind selbst verabreicht werden kann.

Was sind die Risikofaktoren, Allergien oder Asthma zu bekommen?

Werte Eltern, es ist ganz wichtig, dass Sie rechtzeitig bei Ihren Kindern und auch bei sich selbst an die Möglichkeit einer Allergie denken. Ein chronischer Schnupfen, chronische Bauchschmerzen, bei einem Kleinkind eine Gedeihstörung oder erst recht, wenn bereits Atemswegssymptome mit Husten oder Pfeifen bestehen, sollten Sie frühzeitig an die Möglichkeit einer Allergie denken – besonders, wenn in der Familie bereits ein gewisses Risiko durch Vorliegen von allergischen Erkrankungen besteht.

Allergien und Asthma sind vererbbar. Wenn ein Elternteil oder sogar beide Eltern nachgewiesene Allergiker oder Asthmatiker sind, ist die Bereitschaft vom Immunsystems des Kindes wesentlich mehr vorgeprägt, dass es selber Allergien oder Asthma entwickelt. Das ist auch ein wichtiger Faktor, den man bei der Entscheidung, ob eine Immuntherapie in Frage kommt oder nicht, einbeziehen soll. Bezüglich Risikofaktoren ist es mir ein besonderes Anliegen, einen Risikofaktor aus der großen Gruppe der Umweltfaktoren zu vermeiden – nämlich das Passivrauchen. Es gibt Untersuchungen, die klar dokumentieren, dass die Kinder, die dem Passivrauch ausgesetzt sind, ein wesentlich höheres Risiko haben, später eine Allergie oder sogar Asthma zu entwickeln.

MR Dr. Rudolf Schmitzberger, Kinderfacharzt in Wien

Warum sollte ein Heuschnupfen ärztlich abgeklärt werden?

Der Heuschnupfen kann sich dramatisch von einem banalen Schnupfen zu einem späteren allergischen Asthma entwickeln. Das ist dann der sogenannte „allergische Marsch“, den es zu verhindern gilt. Viele Kinder haben vorher Nahrungsmittelunverträglichkeiten, Hautprobleme, es kommt der allergische Schnupfen dazu und später Asthma. Diese Entwicklung gilt es frühzeitig zu erkennen und durch eine entsprechende Therapie zu unterbinden.

Ab welchem Alter sollten Kinder auf Allergien getestet werden?

Es ist mir ein besonderes Anliegen, dass sehr rechtzeitig an einen Allergietest gedacht wird. Viele Kinder leiden sehr, sehr lange unter einem chronischen Schnupfen. Und es wird oft falsch als Kindergarteninfekte verstanden, was natürlich manchmal überlappend ist in der kalten Jahreszeit. Aber meine Botschaft: Bitte denken Sie rechtzeitig an eine Allergie und lassen Sie rechtzeitig eine Allergietestung durchführen!

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für Kinder?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten der Therapie. Das eine ist ist einmal eine Allergenkarenz, d.h. die Vermeidung der auslösenden Ursache. Das ist bei Nahrungsmitteln teilweise möglich, bei inhalativen Allergenen – wie Gräserpollen- oder Baumpollen-Allergie – ist es schon etwas schwieriger. Bei der Haustaubmilbenallergie ist es möglich, durch eine staubreduzierte Umgebung und durch Verwendung von eigenen Bettüberzügen, den sogenannten „Encasings“, eine Linderung herbeizuführen.

Aber eines muss man sich bewusst sein: Die einzige Ursachen-bekämpfende Therapie ist die sogenannte allergenspezifische Immuntherapie. Eine Allergie ist ja eigentlich ein Fehlalarm des Körpers. Das heißt, der Körper reagiert auf völlig irrelevante Dinge wie Pollen oder Hausstaubmilben und schüttet im Körper Abwehrkräfte aus, u.a. Antihistamine, die dann zu einer überschießenden Reaktion in den Atemwegen und auch Schleimhäuten (Nase und Augen) und in späterer Folge in den tiefen Atemwegen führen.

Es ist verlockend, nur eine symptomatische Therapie durchzuführen mit abschwellenden Augen- und Nasentropfen, Allergietabletten, die Symptome zu kaschieren. Aber man muss auch wissen, dass diese auch manchmal mit Nebenreaktionen verbunden ist. Die Augentropfen kratzen, die Nasentropfen werden von den Kindern als unangenehm empfunden, die Allergietabletten bzw. -sirup können etwas müde machen – also das ist bestenfalls eine Therapie-unterstützende Möglichkeit, aber man sollte mit seinem behandelten Arzt rechtzeitig eine Immuntherapie besprechen.

Gibt es komplementärmedizinische Methoden, die für Kinder mit Allergien empfehlenswert sind?

Es gibt unterstützende Methoden der Therapie von Allergien, die unterschiedliche Qualitäten aufweisen. Sie sind bestenfalls als unterstützende Therapien möglich und ersetzen nicht eine wirkliche ursachenspezifische Therapie – das ist und bleibt alleine die allergenspezifische Immuntherapie. Es ist sinnvoll, eine Allergenreduktion durchzuführen, begleitend dazu eine entsprechende medikamentöse Therapie. Aber die wichtigste der Säulen ist die allergenspezifische Immuntherapie. Alle anderen Therapieoptionen sind bestenfalls Ergänzungen.

Ab wann ist eine spezifische Immuntherapie für Kinder sinnvoll?

Eine Immuntherapie ist bei Kindern im sehr frühen Alter, ca. ab dem fünften Lebensjahr, möglich. Wichtig ist, dass wir das Kind ausreichend miteinbeziehen. Und es muss gewährleistet sein, dass die Therapie auch entsprechend lange durchgeführt wird. Es macht keinen Sinn, eine Immuntherapie zu beginnen und nach einigen Monaten wieder abzubrechen, weil sie entweder vergessen oder vom Kind nicht toleriert wird. Bedenken Sie bitte: Eine Immuntherapie dauert in der Regel drei Jahre. Aber dann hat man auch die wirkliche Zuversicht, dass 70 bis 80 Prozent bereits im ersten Therapiejahr sehr positiv reagieren und vor allem dieser allergische Marsch verhindert wird. Das oberste Ziel ist, die Entstehung von Asthma bronchiale zu verhindern. Die Immuntherapie ist gut, sicher, und wirkungsvoll. Wichtig ist die Wahl des richtigen Allergieproduktes. Bitte besprechen Sie das mit Ihrem Allergiespezialisten.

Welche Therapieform ist für Kinder besser – Spritzen, Tropfen oder Tabletten?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die man mit den Kindern natürlich absprechen muss. Es gibt die sublinguale Therapie in Form von Tropfen und Tabletten und die subkutane Spritzenform. Es wird vielfach im Vorhinein angenommen, dass die Kinder Spritzenangst haben. Das kann ich aus der Praxis so nicht bestätigen. Für manche Kindern und Eltern ist es wirklich einfacher, wöchentlich und dann später monatlich zum Arzt zu kommen, wo die Allergiespritze durchgeführt wird, als dass sie jeden Tag ihre Allergietablette oder -tropfen zuhause einnehmen müssen.

Man muss nämlich auch wissen, dass vor allem die Allergietablette in der Anfangsperiode für die Kinder unter Umständen etwas Unangenehmes darstellt, weil sie ein unangenehmes Gefühl im Mund und Rachen verursacht. Auch das muss man besprechen. In der Regel wird es so gehandhabt, dass die ersten paar Einnahmen auch in der Arztpraxis durchgeführt werden, um das Kind so daran zu gewöhnen. Eventuell werden in dieser Phase auch vorbeugend Allergie-reduzierende Tabletten eingenommen. Manche empfehlen sogar Gurgeln mit einem Allergiesirup. Die Allergietablette muss man sich gut überlegen. Sie ist hochwirksam, aber man muss sich auch vergewissern, dass die kleinen Patienten das auch entsprechend mittragen.