Psychologische Unterstützung– ein fixer Bestandteil der Krebstherapie

65
Frau geht im Wald, Foto: Pixabay

Psychologische Unterstützung von Krebspatient:innen sowie deren Angehörigen, auch Psychoonkologie genannt, ist ein wichtiger Bestandteil der Krebstherapie. Zu verschiedenen Zeitpunkten, von der Übermittlung der Verdachtsdiagnose bis zur palliativen Begleitung, bieten die klinischen Psychoonkolog:innen ihre Unterstützung an. Die Liste an Zielen und Vorteilen ist lange. Mag. Martina Mondl, Klinische- und Gesundheitspsychologin auf der Pneumologie im Uniklinikum Krems, gab in einem Webinar Einblicke in die Psychoonkologie.

Die noch junge Fachrichtung der Psychoonkologie beschäftigt sich mit den psychischen sowie sozialen Bedürfnissen der Krebspatient:innen, beginnend von der Übermittlung der Verdachtsdiagnose über den Behandlungsprozess bis zur palliativen Begleitung. Psychoonkolog:innen sind meistens ausgebildete Psycholog:innen, Psychotherapeut:innen oder auch Ärzt:innen oder Personen aus der Pflege, die einen weiterführenden Lehrgang der Psychoonkologie absolviert haben. In Österreich gibt es aktuell mit der Österreichischen Gesellschaft für Psychoonkologie (ÖGPO) und der Österreichischen Plattform für Psychoonkologie (ÖPPO) zwei Anbieter für diese Weiterbildung.

Psychoonkologische Unterstützung im gesamten Behandlungsverlauf

Die psychoonkologischen Fachkräfte werden nach Bedarf bereits im Abklärungsprozess im Akutkrankenhaus, sowohl ambulant wie auch stationär, hinzugezogen. In weiterer Folge steht die Behandlungsbegleitung im Vordergrund. Für Patient:innen, die eine Chemo-, Immun- oder Strahlentherapie bekommen sowie für Lungenkrebspatient:innen, bei denen eine Operation möglich ist, wird eine Betreuung vor und nach der Behandlung bzw. prä- und postoperativ angeboten. Im Fall des Lungenkrebszentrums Krems werden nach der ersten Einheit der Chemo-(Immun)therapie auf der Station die weiteren Therapiezyklen meist in der Tagesklinik fortgeführt. Nach der Krebsbehandlung wird die psychoonkologische Betreuung in der Reha weiter betrieben. Andererseits kann die Betreuung auch als Best Supportive Care oder als palliativpsychologische Betreuung vorgenommen werden, welche mit einer engen Vernetzung oder einer Weiterverweisung zu Selbsthilfegruppen einhergehen kann.

Parallel gibt es die Möglichkeit der Psychotherapie im niedergelassenen Bereich, aber auch Physiotherapie oder Massagen sowie die Inanspruchnahme von Krebsberatungsstellen. Im Wesentlichen sollen die Patient:innen das beziehen, was ihnen gut tut.

Gemeinsame Fürsorge: Psychoonkologische Betreuung für alle Betroffenen

Die Betreuung wird grundsätzlich jeder Patientin und jedem Patienten angeboten. Das Angebot wird nicht nur im Lungenkrebszentrum durch Informationsblätter beworben, sondern auch die Ärzt:innen sowie das Pflegepersonal weisen regelhaft darauf hin. Wichtige Voraussetzung ist, dass die Betroffenen über das Angebot Bescheid wissen und anschließend ihre Zustimmung geben (können). Dieses Angebot wird aber in zu wenig Fällen auch angenommen. Einer Studie zufolge beanspruchen nur 20 – 40 % der psychisch hochbelasteten Krebserkrankten eine psychoonkologische Betreuung. Besonders in Fällen, wo eine Betreuung eine wichtige Hilfestellung bieten würde, ist es für das ausgebildete Personal nicht einfach die Verweigerung zu akzeptieren und so wird versucht, niederschwellig mit den Patient:innen in Kontakt zu kommen und sich langsam heranzutasten. Die Ablehnung der psychologischen Betreuung liegt oftmals im Schamgefühl oder auch in der Angst, stigmatisiert zu werden, es nicht alleine zu schaffen. Wichtig ist die psychoonkologische Betreuung im Übrigen auch für die Angehörigen; auch das wird im UK angeboten.

Die Gefühlslandschaft bei onkologischen Erkrankungen

Verzweiflung, Verwirrtheit, Hoffnung, Angst, Wut und Traurigkeit beeinflussen hauptsächlich die Gefühlswelt von Krebspatient:innen. Dazu kommen Sorgen um die Familie und die Existenz. Der Distress-Thermometer ist hier ein sehr hilfreiches Instrument, mit dem das Belastungslevel der Betroffenen festgestellt werden kann. Durch Ankreuzen auf einer Skala von 0, keine Belastung bis 10, sehr hohe Belastung, bei verschiedenen Fragen und einem Bereich für eine offene Befindensbeschreibung wird die aktuelle Höhe der Belastung evaluiert. Patient:innen, die hoch belastet sind, wird direkt psychologische Unterstützung angeboten. 

Aufgaben der Psychoonkologie

Die Basis im Aufgabenbereich der Psychoonkologie bildet die Unterstützung im Umgang mit der Krebserkrankung im Zuge des Abklärungs- und Behandlungsprozesses. Dies geschieht in Form von Einzelgesprächen, aber auch Paar- und Familiengesprächen. Es soll also bei der Kommunikation innerhalb der Familie aber auch mit dem Behandlungsteam geholfen werden. Mag. Mondl betont dabei: „Kindern ist die Wahrheit zumutbar. Auch bei Kindergartenkindern kann das Wort „Lungenkrebs“ verwendet werden und dass es eine weiterführende Behandlung gibt.“ Manchen Patient:innen fällt es schwer bei der Visite im Krankenhaus ihre Bedenken bezüglich weiterführender Therapien zu äußern, auch hier helfen Psychoonkolog:innen beim Gespräch.Der Support und entlastende Gespräche bei der Entscheidungsfindung im Behandlungsverlauf sind wesentliche Aufgaben. „Ein Stückchen weit ist die Psychoonkologie hier Brückenbauer“, so die Psychologin. Denn in Krisensituationen begleitet sie und stabilisiert: Der Diagnoseschock ist meistens sehr hoch und die Reaktionen überaus unterschiedlich. Für Psychoonkolog:innen sind diese normal, sie sind damit vertraut, können auf Patient:innen gezielt eingehen und psychoedukativ informieren. Ebenso wenn es beispielsweise um die Nachsorge und damit verbundenen Ängste geht. Ein Krankheitsrezidiv ist eine erneute Krisensituation für Betroffene. Auch hier begleitet und stabilisiert die Psychoonkologie. Die Psycholog:innen unterstützen außerdem bei Therapiezieländerungen und beim Wechsel von einem kurativen in ein palliatives Setting.

Aufgaben der Psychoonkologie_Literatur: Diegelmann, Isermann & Zimmermann. (2019). Therapie Tools Psychoonkologie.

Förderung von Bewältigungsstrategien

Ein wichtiger Punkt ist die Schmerzbewältigung. Anhand einer Skala wird nach der Höhe und dem Ort des Schmerzes sowie nach der Schmerzqualität gefragt. Oft werden dafür einige Adjektive angeboten. Für eine optimale Schmerzmedikation übermitteln Psychoonkolog:innen die Schmerzbeschreibung an die Ärzt:innen. Jeder Patient, jede Patientin ist anders, so auch die Krankheitsverarbeitung. Häufig wird dasselbe mehrmals wiederholt, was in dieser Ausnahmesituation sehr normal ist. „Immer wieder zeigen Patient:innen die Vogel-Strauß-Politik. Diese Patient:innen stecken wie der Vogel Strauß den Kopf in den Sand, wollen nichts hören und aktivieren alle möglichen Abwehrstrategien.“, berichtet Mag. Mondl. Das ist für das Behandlungsteam sehr fordernd, doch ein Austausch unter Kolleg:innen ermöglicht ein Abfangen und Begleiten der Patient:innen. Entspannungsverfahren und Hypnosen sind geläufige Bewältigungsstrategien. Imagination können manche Patient:innen selbst durchführen. Auch die Aktivierung der eigenen Ressourcen ist hilfreich. So wird z.B. nach Hobbys und sozialem Umfeld gefragt. „Ich leite zur Stärkung an, zur Selbsthilfe und Selbstfürsorge“, so die Psychologin. Zur Verbesserung der Lebensqualität ist das Erarbeiten von kleinen Zielen und Zukunftsperspektiven essentiell, die Akzeptanz der Diagnose und Integration ins Leben. Manchmal gibt es als Tagesziel, dass das Frühstück schmeckt oder ein paar Schritte möglich sind. Diese kleinen Ziele werden dann zu Zukunftsaussichten. Ist die medizinische Voraussetzung gegeben sind Urlaube mit einer onkologischen Erkrankung möglich. Gemeinsam wird auf Ziele hingearbeitet. 

Palliative Begleitung

Im Wechsel vom kurativen Setting in ein palliatives Setting wird die Enttabuisierung von Tod und Sterben, die Schockbewältigung, fokussiert. Für viele Patient:innen ist die palliative Begleitung das Anfang vom Ende, aber es bleibt noch Zeit. Es geht dann mit den medizinischen Kolleg:innen gemeinsam um die Symptomkontrolle. Bei Lungenkrebs vor allem um die Schmerzmedikation bei Atemnot. Am Lebensende verändert sich der Körper und die Wahrnehmung von Betroffenen. Über diese körperlichen Vorgänge wird in Anwesenheit der Angehörigen aufgeklärt. Manchen Patient:innen ist die Klärung von wichtigen Angelegenheit wie die Beerdigung oder das Erbe ein Anliegen. Hier die Zeit und den Raum zu geben, bietet Entlastung. Wichtig ist die Lebensqualität bis zum letzten Atemzug. Dazu gehört auch ausreichend Zeit für die Begleitung der An- und Zugehörigen sicherzustellen.

Angst

Eine sehr häufig genannte Emotion ist die Angst. Angst ist eine biologisch elementare, zum Überleben notwendige Alarmreaktion, die bei einer bestehenden Gefahr wie einer onkologischen Erkrankung nachvollziehbar ist. Aufgabe von Psychoonkolog:innen ist es, die Symptome zu erklären und so zu ent-ängstigen. Denn Zittern, Erweiterung der Pupillen, Übelkeit, erhöhte Darm- und Nierentätigkeit, Mundtrockenheit, Herzrasen und eine beschleunigte Atmung sind natürliche Angstreaktionen des Körpers. Es gibt diverse Ausdrucksformen: Gefühl der Bedrohung, Gedankenkreisen, Unruhe, Anspannung, Aufregung, Stupor, Freezing, Gereiztheit und Depression. Manche Patient:innen berichten auch von Blackouts, die anfänglichen Gespräche mit dem Behandlungsteam können sich aufgrund von Merk-, Denk- und Konzentrationsstörungen nicht gemerkt werden. Hier helfen dann auch Angehörige, die Gesagtes für Betroffene wiederholen.

Die Angst bewältigen

Die Angstbewältigung kann in drei Bereiche gegliedert werden: informieren, beraten und begleiten. Je genauer Betroffene und Psychoonkolog:innen die Ängste kennen, desto besser gelingt ein bewusster Umgang damit. Dafür ist eine aktive Auseinandersetzung mit der Angst notwendig. Es wird darauf geachtet, wie sich die Angst bei Betroffenen ankündigt und wie ihr entgegengehalten werden kann. Durch Aufmerksamkeitslenkung und Selbstermutigung werden Ängste schließlich gemindert.

Mag. Martina Mondl, Klinische- und Gesundheitspsychologin auf der Pneumologie im
Uniklinikum Krems.

Sexualpsychologische Beratung

Auch heute noch ist das Thema Sexualität ein Tabuthema. Eine sexualpsychologische Beratungsstunde für onkologische Patient:innen und Angehörige umfasst nun verschiedenste Themen: Müdigkeit, Lustlosigkeit, Schmerzen oder die Angst vor Schmerzen, erhöhtes Schamgefühl oder ein verändertes Körperbild. Auch Erregungs- und Orgasmusstörungen oder Harninkontinenz werden thematisiert. Die Beratung befasst sich ebenso mit dem Kinderwunsch onkologischer Patientinnen. Die Psychologin berichtet von einem Fall, in dem ein Patient in intakter Ehe seit seiner Chemotherapie Erregungsstörungen erlebt. Hier wurde zunächst mit Kolleg:innen nach pharmakologischer Unterstützung gesucht und anschließend dem Patienten erklärt, dass Intimität in vielen Formen existiert und neue Wege gemeinsam entdeckt werden können. „Die Psychoedukation und eine offene Kommunikation sind sehr wichtig.“, betont Mag. Mondl erneut. Ängste sollen durch Wissen ersetzt und andere Arten der Intimität und Zärtlichkeit in den Vordergrund gehoben werden. Denn Intimität und Zuneigung leisten einen positiven Beitrag für den Gesundungsprozess.

Empfehlungen im niedergelassenen Bereich

Wurden Patient:innen psychoonkologisch im Akutkrankenhaus versorgt, stationär oder ambulant betreut und in der Rehabilitation oder im Sinne einer Best Supportive Care begleitet, können weiterführend Angebote im niedergelassenen Bereich wahrgenommen werden: Selbsthilfeangebote, Externe Psycholog:innen und Psychotherapeut:innen, Beratungsstellung wie die Krebshilfe, Fachärzt:innen für Psychiatrie und psychosomatischer Medizin bei Bedarf an psychopharmakologischer Behandlung, physikalische Therapien, Massagen, Bewegung, all jenes, das gut tut. Auch eine onkologische Reha wird ausdrücklich empfohlen.

Take Home Messages

Psychoonkologie…

… bringt Ordnung ins Chaos,

… informiert über die Erkrankung und Behandlung,

… vermindert Symptome wie Angst, Müdigkeit und Depressivität,

… aktiviert Ressourcen,

… fördert die Selbstwirksamkeit,

… unterstützt Familie, Angehörige und das soziale Umfeld,

… verbessert die Kommunikation zwischen Patient:innen, Familie und Behandlungsteam,

… begleiten bei der Sinnsuche,

… schafft Raum für das oft Unaussprechliche wie Tod oder Sterben.

„Tun Sie alles, was Ihnen auch bisher schon geholfen oder gefallen hat, so gut wie möglich. Soweit es die körperliche Verfassung zulässt.“, legt Mag. Mondl allen Betroffenen nahe. Es ist hilfreich eine Tagesstruktur zu schaffen oder wieder zur gewohnten Tagesstruktur zurückzufinden, auch wenn es möglicherweise Einschränkungen gibt. Bewegung ist weiterhin wichtig, in abgeschwächter Form wie ein kurzer Spaziergang oder eine Fahrt mit einem E-Bike und in Absprache mit den Ärzt:innen. Es sollten alle Hobbys reaktiviert werden: Filme, Lieblingsmusik, Bücher, Zeitungen, Magazine, Sudoku oder Rätsel. Für den Kopf ist es gut sich zu fokussieren, sich abzulenken, ohne sich in die Arbeit zu stürzen. Oft ist es auch wirksam mit Personen zu sprechen, die etwas weniger vertraut sind als die engsten Familienangehörigen, wie gute Freund:innen oder Arbeitskolleg:innen. Anfangs wird häufig mit einem Rückzug reagiert, aber die Pflege sozialer Kontakt hilft. Oder Notizen machen und Tagebuch führen, Gefühle niederschreiben. In den Alltag integrieren lassen sich auch Entspannungstrainings wie Atemübungen. Sich selbst verwöhnen und Selbstfürsorge üben, tut Leib und Seele gut.

Nützliche Informationen unter:

https://www.oegpo.at/therapeutinnen-liste/

load (gesundheitskasse.at)

Webinar im Dezember 2023 mit Mag. Martina Mondl, Klinische- und Gesundheitspsychologin auf der Pneumologie im Uniklinikum Krems.